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Tote Studentin in Halle: Auf Mariyas Spuren

Peißnitz

Der Ort auf der Peißnitz in Halle, an dem Mariya N. starb, ist heute ein improvisierter Gedenkort. Viele Hallenser haben Kerzen abgestellt.

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Archiv/Günter Bauer

Nur ein schlichtes weißes Holzkreuz erinnert in Bulgarien an Mariya N. Die in Halle getötete Studentin hat ihre letzte Ruhe auf dem unscheinbaren Friedhof einer kleinen bulgarischen Ortschaft gefunden. Ihre Eltern und die beste Freundin waren die einzigen Trauergäste bei der Beerdigung am vergangenen Sonntag. Zwei Blumensträuße und ein Kranz der Universität Halle liegen auf dem frischen Grab. Das provisorische weiße Holzkreuz trägt Mariyas Namen. Darunter steht auf bulgarisch: „Von uns genommen, um bei Gott zu sein. Mit 29 Jahren.“

Ihre Eltern sind in tiefer Trauer. Sie wohnen zurückgezogen an der Schwarzmeerküste. Auch die 29-Jährige war oft hier, liebte das Meer und die wegen ihrer Schönheit berühmten bulgarischen Strände. Doch aufgewachsen ist Mariya im 320 Kilometer entfernten Pleven, in einer Stadt, nur halb so groß wie Halle. Hier beginnt an diesem Mittwoch die Suche nach den Wurzeln der Studentin. Nur wenige Medien haben hier über den gewaltsamen Tod der jungen Frau berichtet. Auch über Spekulationen in der deutschen Boulevard-Presse, sie sei Prostituierte gewesen. Für ihre Freunde in Halle und die Familie war das natürlich ein weiterer Schock. „Nichts könnte falscher sein“, sagt Elisabeth Goldenberg, die mit anderen Freunden Mariyas deren letzte Angelegenheiten in Halle geregelt hat. „Sie war ein herzensguter Mensch.“

Geschichte des modernen Europa

Am 7. Februar war die Studentin tot am halleschen Neuwerk von einem Passanten entdeckt worden. Erst später war für die Staatsanwaltschaft klar: die junge Frau ist einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen. Beim abendlichen Joggen überfallen, vergewaltigt und erwürgt. Die Polizei hat noch keine Spur zum Täter, nicht einmal einen konkreten Hinweis gibt es bislang.

Vor einigen Jahren war Mariya N. nach Halle gekommen, hatte an der Saale ein BWL-Studium aufgenommen. Sie lebte in einem Wohnheimzimmer auf dem Weinberg-Campus, verdiente sich mit einem Studentenjob 400 Euro monatlich im Maritim-Hotel - mehr Geld stand ihr nicht zur Verfügung.

Im Café „Roter Horizont“ war Mariya N. Stammgast - soweit es eben das knappe Budget zuließ. Oft bestellte sie eine heiße Schokolade mit Zimt. Für ihr Studium und ihr Leben in Deutschland hat sie auf vieles verzichtet. Noch ein knappes Jahr, und sie hätte den BWL-Abschluss in der Tasche gehabt, hätte sich nach einem Job umschauen können - wahrscheinlich hier in Deutschland. Seit Bulgarien Mitglied der EU ist, engagieren sich deutsche Firmen sehr stark in dem Land. Eine wie Mariya N. wäre für viele Firmen die perfekte Wahl gewesen: jung, dynamisch, kompetent und zielstrebig.

Mariya N.s Geschichte ist auch die Geschichte des modernen Europa, in dem die Suche nach den Perspektiven junge Leute aus ihrer Heimat in die weite Welt zieht. In vielen bulgarischen Familien gibt es jemanden, der sein Glück im Ausland sucht. „Für Bulgaren ist Deutschland das Lieblingsland“, sagt ein enger bulgarischer Freund Mariyas, der ebenfalls in Halle wohnt. Das liegt auch an den langen historischen Verbindungen zwischen beiden Ländern. Die kurzlebige konstitutionelle Zarendynastie des 20. Jahrhunderts beispielsweise entstammt dem Geschlecht Sachsen-Coburg-Gotha. So gesehen war der EU-Beitritt für Bulgarien, das lange Zeit unter osmanischer Herrschaft stand und erst 1877/78 unabhängig wurde, ein bisschen wie eine Rückkehr zu einem Teil von sich selbst.

„Mariya hat sich in Deutschland immer wohl gefühlt, aber Bulgarien ist in ihrem Herzen geblieben. Ihre Familie hat ihr sehr gefehlt“, sagt der bulgarische Freund. Für häufige Reisen in die Heimat hatte sie jedoch kein Geld. Ihre europäische Lieblingsstadt Prag hätte sie gerne auch öfter besucht.

Pleven ist eine Stadt mit einem verwinkelten Stadtkern und etlichen Plattenbauvierteln: Die ersten Frühlingstage locken Hunderte in den Kaylaka-Park. Jogger, Familien, Sonnenhungrige überall. Ein Flüsschen, kleine Felsen, ein zentrales Wasserbassin - es benötigt nicht viel Phantasie, um zu verstehen, wieso die Peißnitz in Halle Mariyas Lieblingsort war. Hier in Pleven ist sie aufgewachsen. Als Kind ging sie aufs Fremdsprachengymnasium der Stadt. Ihr Abschluss war makellos. Glaubt man den Zeugnissen, die ihr die Lehrer von dort mit auf den Weg nach Europa gegeben haben, so sprühte sie vor Intelligenz und Herzenswärme. „Sie bringt alles von sich in die Beziehung zu anderen Menschen und in ihre Arbeit ein“, heißt es in einem Empfehlungsschreiben ihrer Schule. Oder: „Hindernisse können sie nicht aufhalten, im Gegenteil: Sie befeuern ihren Ehrgeiz.“ 2002 ist sie Teil der bulgarischen Delegation bei einem internationalen Jugendtreffen in Moskau. Sie spricht sehr gut Englisch, Russisch und Deutsch, ist sportlich, holt nationale Medaillen im Orientierungslauf und engagiert sich im Kunstzirkel der Schule. Sonntags geht sie zur Bibelstunde.

Das Büro der evangelischen Gemeinde, zu der Mariya gehört hat, liegt in einem Hinterhof. Die offiziellen Räume für Veranstaltungen befinden sich in einem neueren Bau in einer Nebengasse voller Schlaglöcher. Der Pfarrer kann den Reporter aus Deutschland bei dessen Besuch nicht treffen, lässt aber ausrichten: „Ihr Tod schmerzt die gesamte Gemeinde. Es ist bitter, dass ein junger Mensch gestorben ist.“ Seit Jahren ist Mariya nicht mehr hier gewesen. „Wir kennen sie als kluges Kind“, sagt eine Mitarbeiterin der evangelischen Gemeinde von Pleven. Sie hat erst durch die Familie vom Tod Mariyas erfahren. „Wir sind natürlich geschockt und stellen uns, wie jeder andere auch, viele Fragen.“ Vor allem aber eine: Warum? Eine Frage, die noch keiner beantworten kann.

Auch in Halle trauert man

Mariyas Eltern haben Pleven vor rund zwei Jahren verlassen. Sie sind Künstler und gehören zu den wenigen Protestanten in Bulgarien. Die Religion ist ein weiteres Band zwischen Mariyas Familie und der Region um Halle. Ende der 1990er Jahre waren Mutter und Vater in Wittenberg und haben ihre Werke ausgestellt. Malereien und Skulpturen, die die Verletzlichkeit und Menschlichkeit zum Thema haben. Vielleicht haben sie Mariya von der Region erzählt, ihr zugeraten an der Universität Halle zu studieren, die den Namen Martin Luthers trägt. Nach dem Tod ist nun der Konjunktiv, das „hätte“ und das „wenn doch nicht“, der ständige Begleiter der Hinterbliebenen.

Auch in Halle trauert man. Der Abschied ihrer Freunde in der Laurentiuskirche war emotional. Ein Kondolenzbuch für die Familie, vier Kerzen auf dem Altar, ein Bild von Mariya N. und eine Abbildung von Picassos Gemälde „Kind mit Taube“, ein Bild mit Symbolkraft für ihre Freunde. „Das sagt so viel aus. Jeder erinnert sich daran, wie sie einer verletzten weißen Taube geholfen hat. Sie hat sie ins Wohnheim mitgenommen und später, als sie merkte, dass sie ihr nicht helfen kann, in den Zoo gebracht“, erinnert sich ihre Freundin Elisabeth Goldenberg. Es ist nicht nur diese Erinnerung, die den Freunden der Toten über die Trauer hilft. „Mariya wird ein Teil von uns allen bleiben. Und irgendwann wird die Wunde verheilen“, sagt einer ihrer bulgarischen Freunde in Halle.

Weil die Familie das Geld für die Überführung der Leiche nach Bulgarien nicht aufbringen konnte, haben viele Hallenser gespendet. Mit dem Geld soll später auch ein Grabstein angefertigt werden, der das schlichte Holzkreuz ersetzen soll. „Mariya liebte Deutschland“, sagt ihr Vater, als schließlich ein Telefongespräch zustande kommt. Groll auf das Land, in dem sie starb, hegen er und seine Frau nicht. „Wir sind dankbar für die Anteilnahme.“ Und Mariyas Mutter ergänzt nur einen Satz: „Gott segne sie alle, sagen sie das den Menschen in Deutschland.“

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