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Studie zu Fluthelfern: Den Deich im Blick

Helfer in Halle

Tausende haben in Halle im vergangenen Jahr mit angepackt, um die Stadt vor der Saaleflut zu schützen.

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Silvio Kison/Archiv

Halle (Saale) -

Anfang Juni 2013 haben in Halle Tausende freiwillig Sandsäcke gefüllt und an den Deichen gestapelt, um die Saale-Flut abzuwehren. Wenige Wochen später löste Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) in Eigenregie den Auftrag zum Bau eines neuen Deiches an der Halle-Saale-Schleife aus, der Neustadt vor künftigen Hochwassern schützen soll. Gegen den neuen Verlauf des Dammes, der inzwischen vom Landesverwaltungsamt zumindest vorläufig genehmigt ist, wehrt sich die Bürgerinitiative Hochwasserschutz Altstadt - deren Mitglieder finden jedoch kaum Gehör auf politischer Ebene. Genau diesem Phänomen, dem Zusammenspiel von Politik und Zivilgesellschaft in, vor und nach Katastrophenfällen, widmet sich der Berliner Soziologe Götz Harald Frommholz jetzt. Er untersucht in einer Studie die Bürgerbeteiligung beim Sommerhochwasser 2013 in Sachsen-Anhalt, speziell auch am Beispiel Halle.

Flut als einmaliges Ereignis

Frommholz ist Geschäftsführer des gemeinnützigen, unabhängigen und überparteilichen Forschungsinstituts „dpart“. Gemeinsam mit Timothy Atkins, einem Berater für Politik und Gesellschaft aus Halle, hat er in diesem Jahr sechs mehrstündige Einzelinterviews mit Experten, Beteiligten und Betroffenen zum Hochwasser 2013 geführt. Bereits in dieser ersten von insgesamt drei Projektphasen sei er zu erstaunlichen Resultaten gekommen: „Das Krisenmanagement 2013 wird auf Erfahrungen aus dem Jahrhunderthochwasser 2002 reflektiert.“ Bis vor zwölf Jahren sei Hochwasserschutz ein eher lokales Thema gewesen. Bürgerinitiativen hätten damals eine nur kurze Bestandsdauer gehabt, weil die Katastrophe als Jahrhunderthochwasser angesehen worden sei. „Genau deswegen, wegen der wahrgenommenen Einmaligkeit der Ereignisse, war die Professionalisierung der Koordination 2013 nicht so ausgeprägt, wie sie hätte sein können“, sagt Frommholz.

Das gelte besonders für die Verteilung von freiwilligen Helfern. „Während einige Kommunen sehr viele hatten, mussten andere ohne Freiwillige auskommen.“ In Halle hatten nach der Flut 2013 vor allem Anwohner aus Lettin, Planena und Radewell über unzureichende Unterstützung geklagt. Frommholz’ Projektpartner Atkins habe zudem herausgefunden, dass viele Betroffene lieber einen Ansprechpartner vor Ort gesehen hätten, als immer wieder an die Hotline der Stadt verwiesen zu werden. „Dort haben sie die Pegelstände bekommen, aber keine Prognosen. Das hatte vor allem für die Anwohner rund um den Sophienhafen gravierende Auswirkungen.“ Soziologe Frommholz sei zu der Erkenntnis gelangt, dass sich die Angst, alles zu verlieren, traumatisierend auf viele Betroffene auswirke. Der Hochwasserschutz sollte Vorrang vor dem Katastrophenmanagement haben.

Fehlende Nähe zur Verwaltung

Doch wie können die Bürger daran beteiligt werden? „Neue Deiche zu bauen, wirkt nach außen natürlich erstmal als wirksame Maßnahme. Ist der Damm aber fertig, verschwindet das Thema Hochwasser oft aus den Köpfen“, so Frommholz. Bürgerinitiativen, wie die in Halles Altstadt, hätten das Problem, wegen der fehlenden Nähe kaum Gehör in der Verwaltung zu finden. „Das Thema Hochwasserschutz muss weg von der politischen Ebene.“ Betroffene etwa durch die Bildung von Wasserwehren, einer Form ehrenamtlichen Engagements ähnlich wie bei freiwilligen Feuerwehren, einzubeziehen, halten Frommholz und Atkins für eine praktikable Lösung. „Vielerorts läuft das schon gut“, sagt Frommholz. Die Bürger müssten zudem darin geschult werden, „wie man frühzeitig Mängel an Deichen entdeckt“. Das könne bereits in Grundschulen beginnen. Können keine Wasserwehren gebildet werden, müssten nach Auffassung von Frommholz zumindest vorhandene Bürgerinitiativen entsprechend geschult werden. Es gehe dabei um eine bessere Kommunikation zwischen Amtsträgern und der Öffentlichkeit.

Die Studie soll bis Mitte kommenden Jahres beendet sein. Dann wollen Frommholz und Atkins ihren Forschungsbericht vorlegen und kostenlos Handlungsempfehlungen für Hochwasserkatastrophen herausgeben. (mz)


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