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Starschwimmer aus Halle: Paul Biedermann trainiert nachts für Olympia

Paul Biedermann

Die Uhr und Paul Biedermann. Wegen der späten Finalzeiten in Rio trainiert der Hallenser jetzt auch nachts.

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Halle (Saale) -

Die ältere Dame mit den wippenden Marienkäfer-Fühlern auf dem Kopf torpedierte Paul Biedermanns ernsthafte Bemühungen, sich mit Dehnübungen am Beckenrand auf seine nächste Trainingseinheit im Stützpunkt vorzubereiten. Herzhaft musste Halles Schwimmstar lachen, während er aus den Augenwinkeln die auf Fasching eingestellte Senioren-Schwimmgruppe verfolgte, die gerade von den hinteren Bahnen Besitz ergriff. Und auf den vorderen stürzten sich immer wieder Knirpse voller Begeisterung vom Startblock ins Wasser. Die Zweitklässler nutzen ihre Ferien für ein Trainingslager. Keine Frage: In den Mittagsstunden an diesem Dienstag herrschte in der Schwimmhalle ein munteres Treiben.

Finals zu nie dagewesenen Zeiten

Man muss wissen: Eigentlich sitzt Paul Biedermann um diese Zeit längst zu Hause am Mittagstisch. Normalerweise trainiert er gleich nach Sonnenaufgang das erste Mal. Und in der Regel geht es am Nachmittag dann noch einmal ins Wasser. Doch dass der Tagesablauf im Moment völlig verschoben ist, hat einen Grund. „Wir testen für Rio“, erklärt Biedermanns Trainer Frank Embacher.
Bei den Olympischen Spielen werden die Vorläufe nicht wie sonst früh, sondern mittags ausgetragen. Und die Finals sind nachts zwischen 22 und 0.30 Uhr Ortszeit angesetzt. Darauf will sich Paul Biedermann frühzeitig einstellen. Und zwar bis zur allerletzten Konsequenz. Heißt: Mit einer ersten Einheit zwischen 12 und 14 Uhr und vor allem mit einer zweiten nachts von 22 bis 0 Uhr.
„Wir haben keine Erfahrungen, sind noch nie zu solch ungünstigen Zeiten einen Wettkampf geschwommen“, erklärt Embacher das ungewöhnliche Experiment. Das ist nötig geworden, weil das US-Fernsehen die Schwimm-Finals zur besten Sendezeit wünscht. Nach deutscher Zeit wird Paul Biedermann die Endläufe gegen drei Uhr morgens bestreiten.

Um da zur Höchstform auflaufen zu können, müssen nicht nur die Trainingszeiten umgestellt werden. Der ganze Tagesablauf wird praktisch umgekrempelt. Schließlich muss auch in der Stunde der Entscheidung Paul Biedermanns Bio-Rhythmus mitspielen. Oder besser: Sein Rio-Rhythmus. Wie also verträgt er sein Abendessen um ein oder zwei Uhr nachts? Und kann er danach auch später ruhig schlafen?

In Rio werden im olympischen Dorf die Athleten anderer Sportarten mit ihren Wettkampfvorbereitungen bereits beginnen, wenn die Schwimmer noch in ihren Betten liegen. Wie funktioniert das Schlafen? Nur mit Ohropax? Und nur mit zugehangenen, verschlossenen Fenstern? Deshalb also jetzt ein erster Probelauf. Während das Mittagstraining keine echten Probleme darstellt - schließlich teilt er sich auch früh am Morgen mit anderen die Bahnen - mutet das Nachttraining doch recht gewöhnungsbedürftig an. Denn dann hat er das Becken ganz für sich allein. Nur die Putzkolonne ist zu dieser Zeit in der Schwimmhalle und richtet alles wieder für den nächsten Tag her.
Die Solistenrolle ist ungewohnt - und stößt auf wenig Gegenliebe. Schon einmal haben Biedermann und Embacher in der Einsamkeit trainiert: bei der Olympia-Vorbereitung 2008 in der Höhe. Doch die drei Wochen ohne Trainingspartner stellten sich später als großes Handicap heraus. Also wurde damals der ebenfalls zum Kader gehörende Trainersohn Toni Embacher nachgeholt.

Deshalb ist das Training im Rio-Rhythmus erstmal nur ein Experiment. „Es geht nur um eine Woche“, sagt Embacher. Am Dienstag haben sie begonnen, am nächsten Dienstag wird das Projekt erst einmal enden. Das ist überschaubar. Doch Teil zwei - geplant irgendwann zwischen den deutschen Meisterschaften und den German Open, also im Frühsommer - wird mit Sicherheit anders laufen. Dann wird der eine oder andere aus der SV-Trainingsgruppe und von den Staffelkollegen dazustoßen. Oder Biedermann wird für ein paar Tage an einen anderen Stützpunkt gehen. Schließlich sind alle Olympiakandidaten des deutschen Verbandes dazu angehalten worden, die Anpassung zu trainieren. Bei der Fortsetzung sollen dann auch medizinische Daten erfasst werden.

Im Moment trägt Paul Biedermann selbst ein paar Parameter zusammen: den Ruhepuls etwa oder den Vitamin-Status, der Rückschlüsse auf das Immunsystem zulässt. Und er füllt einen Fragebogen aus, der mit sämtlichen anderen Informationen an den Verbandsarzt Michael Ehnert in Hamburg zur Auswertung weitergeleitet wird.

Ab Mittwoch wieder normale Zeiten

Trainingsinhalte, so erklärt Embacher, werden nicht verändert. In der jetzigen Phase am Ende des Kraft-Ausdauer-Zyklus’ ist das Wassertraining nicht so intensiv, wird der Wettkampf noch nicht speziell geübt. Fünf- bis sechseinhalb Kilometer spult Paul Biedermann am Stück herunter, also im Schnitt elf am Tag. Da hat er schon ganz andere Strecken im Becken zurückgelegt. Trotzdem ist der Doppel-Weltmeister von 2009 gespannt, wie sein Körper das verkraftet. Und ob er ab Mittwoch wieder gut in seinen gewohnten Rhythmus findet.

Bis dahin heißt es, mit dem Ungewohnten fertig zu werden. Für Paul Biedermann. Für seinen Trainer Frank Embacher. Für die Reinigungskräfte. Und nicht zuletzt für die Anwohner, die wegen der erleuchteten Glasfront der Halle irgendwie auch am Experiment beteiligt sind. (mz)