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Reideburger SV: Junge Schach-Asse werden deutsche Vizemeister

Team

Die Trainer Fridolin Mertens (rechts) und Wolfram Richard beobachten die Spieler Hugo Post (Mitte) und Justin Schlosser (links)

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Eckehard Schulz

Halle (Saale) -

Arne Seidel hat es sich im Trainingszentrum auf seinem Stuhl bequem gemacht. Vor ihm auf dem Tisch liegend: ein Schachbrett. Und eine Eintrittskarte für ein Eishockey-Spiel des MEC Halle 04. Zusammen mit seinen Teamkollegen Florian Dietz, Hugo Post und Marvin Hennig besuchte der Schüler die Partie der Saale Bulls gegen den Herner EV. „Ein Geschenk der Trainer für unsere Leistung“, freute er sich.

Man merkt Seidel die Begeisterung für den körperbetonten Eissport an. Dabei hat seine eigene Sportart ganz und gar nichts mit harten Zweikämpfen zu tun: Er ist Schachspieler beim Reideburger SV. Ein sehr erfolgreicher sogar. Vor einem Monat wurden er und seine Mitspieler deutscher U-12-Vizemeister. Die Tickets waren nun die Belohnung für diesen Erfolg.

Gleichzeitig ist der Besuch des Eishockey-Spiels aber auch ein treffendes Symbol. Denn so schwer sich die beiden Sportarten miteinander vergleichen lassen, so wenig bestätigen die Jungs die zahlreichen Vorurteile, die es über den Schachsport gibt. So heißt es, Schachspieler seien Nerds, die nichts anderes im Sinn haben.

Doch wer Mannschaftskapitän Florian Dietz und seine Mitspieler einmal kennenlernt, der wird feststellen: Die vier sind ganz anders. Den ganzen Tag im eigenen Zimmer sitzen? Nichts anderes tun, als Bauern und Springer von Feld zu Feld rücken? Würde ihnen gar nicht in den Sinn kommen.

Stattdessen gehen sie viel raus, treffen sich mit Freunden. „Wenn ich Zeit habe, fahre ich gern Skateboard“, sagt Hugo Post.

Eng gestrickter Terminplan

Wobei: Allzu viel Zeit für die Kumpel bleibt dann doch nicht. Denn die jungen Schachspieler haben einen eng gestrickten Terminplan. Hugo Post gewährt einen Blick in seinen Kalender: „Ich habe viermal in der Woche Training und spiele zweimal im Monat ein Turnier. Hinzu kommen Punktspiele.“ Außerdem spielt er zu Hause noch gegen seine Eltern und am PC. Peripher tangiert ihn sein Sport dann doch nicht. Sonst wäre der deutsche Vizemeister-Titel sicher auch nicht möglich gewesen.

Und: In einer Sache unterscheiden sich die vier Jungs mit Sicherheit vom gesellschaftlichen Durchschnitt. Sie sind hochbegabt, gehen allesamt auf Spezialgymnasien in Halle: Drei auf das naturwissenschaftlich ausgerichtete Georg-Cantor-Gymnasium und einer auf die Latina, die auf ein sprachliches Profil setzt.

Junger Trainer

Auf die Sportart gestoßen sind sie indes nicht durch Zufall. „Mein Vater hat schon Schach gespielt“, sagt Hugo Post, der außerdem noch klettert und Klavier spielt. Früher hat er auch gegen den Fußball getreten. Er hat viele Interessen, wurde gefördert durch sein Elternhaus - und nicht zuletzt durch seinen Trainer Fridolin Mertens, der selbst noch Student ist und einen guten Draht zu den Jungs hat. „Der Altersunterschied ist nicht so groß“, sagt Abteilungsleiter Uwe Hentschel, der im Gegensatz zu seinem jüngeren Kollegen auch eine andere Auffassung hat bezüglich der Fähigkeiten, die ein junger Schachspieler mitbringen muss, um Erfolg zu haben. „Logisches Denken und Ausdauer“, meint Hentschel. „Begeisterungsvermögen reicht“, entgegnet Mertens.

In einer Sache sind sich die beiden Schach-Experten aber einig: Man muss nicht hochbegabt sein, um Vizemeister im Schach zu werden. „Es gibt auch viele erfolgreiche Mittelschüler“, sagt Uwe Hentschel und verweist darauf, dass bei den Reideburger Jungs auch andere Faktoren eine Rolle gespielt hätten: „Sie haben sich einfach als Gruppe gefunden, ziehen sich gegenseitig hoch.“

Stellt sich die Frage, wohin es einmal gehen soll. „Weiß ich nicht“, sagt Fridolin Mertens, lässt aber durchblicken, dass einiges möglich ist: „Noch bin ich besser als sie, noch kann ich sie trainieren.“ (mz)