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Mitteldeutsche Zeitung | Schulkind für einen Tag: Für todkranken Elias geht Lebenstraum in Erfüllung
28. January 2016
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Schulkind für einen Tag: Für todkranken Elias geht Lebenstraum in Erfüllung

Elias in der Schule

Ich weiß es! Elias, neben ihm seine Schwester Amelie, meldet sich schon wie ein Profi.

Foto:

Silvio Kison

Am Ende, als alle schon wieder draußen vor dem Schulhaus stehen, die letzten Fotos geschossen sind, hat Elias genug. Der Fünfjährige fängt an zu weinen. Die vielen Menschen, die Kameras, der Trubel: „So eine Schuleinführung stresst, ihn noch mehr als gesunde Kinder“, sagt sein Vater, nachdem er Elias in dessen Rollstuhl die Eingangstreppe heruntergehoben hat. „Aber wenn er nachher wieder fit ist, wird er erzählen wie ein Wasserfall.“

Elias leidet unter einem Hirntumor. Sein größter Wunsch ist es, ein Schulkind zu sein. So wie seine Schwester. Amelie ist sieben, sie besucht die zweite Klasse der Grundschule in Teutschenthal westlich von Halle. Elias wird im März sechs Jahre alt. Im September würde er regulär eingeschult. Aber die Ärzte geben ihm nicht mehr viel Zeit.

Die Zuckertüte fest in der Hand

Am Donnerstag geht Elias’ größter Wunsch in Erfüllung. Grundschule „Am Heiderand“ in Halle-Neustadt. Eine weiße Stretch-Limousine biegt auf den Hof ein, umringt von johlenden Kindern, die auf das Ende der Hofpause warten. Elias und seine Eltern fahren vor. Die Aula in der dritten Etage des sanierten Plattenbaus ist bunt geschmückt, überall Zuckertüten, Luftballons, Girlanden. Vor einer kleinen Bühne haben rund 30 Besucher Platz genommen, Verwandte, Freunde, Wegbegleiter. Elias sitzt in seinem Rollstuhl in der ersten Reihe zwischen seinen Eltern, Beatrice und Christian Teutscher. Seine Zuckertüte hält er fest umklammert.

Kinder aus der 2a und der 2b laufen auf die Bühne, sie führen ein kleines Stück vor, singen. Es ist eine Einschulungsfeier wie viele andere auch. Nur dass es eben keine echte Einschulung ist. Es ist ein Geschenk. An Elias.

Er ist acht Monate alt, als bei ihm ein Hirntumor diagnostiziert wird. Was folgt, ist ein jahrelanger Kampf. Elias hat vier Operationen hinter sich, Bestrahlung, Chemotherapie. Die Familie lebt zwischen Hoffnung und Verzweiflung. „Zweimal ist der Tumor bekämpft worden, zweimal ist er zurückgekommen“, sagt sein Vater. Am 29. Dezember vorigen Jahres sind sie wieder im halleschen Uniklinikum im Kröllwitz: „Sie haben uns gesagt, dass Elias nicht überleben wird.“ Der Krebs ist stärker.

Weitere Informationen zum kleinen Elias lesen Sie auf Seite 2.

Wie viel Zeit noch bleibt, weiß niemand. Sie haben gefragt in der Klinik, ob sie noch für den Sommer planen könnten. Die Antwort war: Das sei eine sehr optimistische Prognose. „Die Ärzte sprechen von wenigen Wochen, aber sie lassen sich auf keinen Termin ein“, sagt Christian Teutscher. „Da war für uns klar, wir wollen Elias noch so viele Wünsche wie möglich erfüllen.“ Vor allem die Einschulung.

Berichte über Elias auf Facebook

Die Eltern starten einen entsprechenden Aufruf auf der Facebook-Seite, auf der sie über Elias, seine Krankheit, über Fortschritte und Rückschläge berichten. Sabine Wodausch liest den Eintrag. Sie ist Lehrerin an der Grundschule „Am Heiderand“, und sie hat die Idee, dass ihre Schule sich einbringen könnte. Wodausch ist selbst Mutter. „In einem solchen Moment“, sagt sie, „denkt man doch an das Kind, dass es ihm möglichst gut gehen soll, nicht an das, was eines Tages passieren könnte.“

Ein Bekannter von ihr, der ein Schulfreund von Christian Teutscher ist, stellt den Kontakt zur Familie her. Wodausch bittet ihre Schulleiterin, Romy Frühauf, um Unterstützung. Die kontaktiert das Landesschulamt, das schließlich zustimmt. So kommt die Sache ins Rollen. Jetzt muss nur noch ein Termin gefunden werden. „Natürlich ist das keine offizielle Einschulung“, sagt Frühauf. „Es geht uns um eine Geste, darum Elias einen schönen Tag zu bereiten.“

Den hat er. Nach der Feier hockt Elias mit Sabine Wodausch und 21 Erstklässlern auf bunten Sitzkissen auf dem Fußboden eines Klassenzimmers. Wodausch nimmt eine Kiste auf die Knie, holt einen Spielzeug-Elefanten heraus und hält ihn hoch: „Was ist das?“ Elias meldet sich: „Elefant!“, ruft er. Deutsch in der 1a, seine erste Schulstunde. Es geht um das kleine und das große „E“ wie Elias. Die Kinder sollen es auf einem Arbeitsblatt finden, schreiben und aus Knete formen. „Wir wissen ja, dass er nie am Unterricht wird teilnehmen können“, sagt seine Mutter leise. „Umso schöner ist es, dass die Schule uns das ermöglicht hat.“

Symbolische Einschulung

Neben Elias sitzt seine Schwester Amelie; sie hilft ihm, wenn es nötig ist. Ihre Eltern haben sie für heute freistellen lassen. „Gar kein Problem“, sagt Christian Teutscher, „ihre Schule zieht da mit.“ Dennoch wollten sie Elias nicht dort, in Teutschenthal, symbolisch einschulen lassen. „Das ist Amelies Schule“, meint ihr Vater, „sie braucht einen Bereich, in dem nicht Elias im Mittelpunkt steht.“ Das ist nicht immer einfach, zumal Beatrice Teutscher, eine gelernte Krankenschwester, ihren Sohn seit einem Jahr zu Hause betreut; nach einer Bestrahlung darf er nicht mehr die Kita besuchen.

Nach der Schulstunde, als alle Geschenke, Zuckertüten und Luftballons verpackt sind, steht Christian Teutscher auf dem Schulhof und atmet tief durch. Alle Anspannung ist aus seinem Gesicht gewichen. „Hat’s dir gefallen?“, fragt er Elias. „Ja!“, ruft der, jetzt wieder fröhlich. „Das war ein sehr guter Tag heute“, sagt Teutscher, „eine wunderbare Feier. Das lenkt uns ab vom Nachdenken über die nächsten Wochen.“ (mz)

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