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Politiker im MoritzKunstCafé: Jürgen Trittin liest in Halle aus neuem Buch

Jürgen Trittin liest in Halle aus neuem Buch

Jürgen Trittin liest in Halle aus neuem Buch

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Thimo Lehmann

Halle (Saale) -

„Veränderung ist unbequem“, sagt Jürgen Trittin, „aber es braucht sie. Dringend.“ Am Montagabend las der Politiker im MoritzKunstCafé aus seinem neuen Buch vor. „Stillstand made in Germany“ heißt das Stück, in dem der ehemalige Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen die großen Probleme der Welt skizziert und fragt, warum der Veränderungswille keine politischen Taten folgen lässt.

Eine Stunde folgte das vollbesetzte Café dem Plädoyer für einen „ökologischen Materialismus“, anschließend gab es noch eine Fragerunde mit der Bundestagsabgeordneten Steffi Lemke.

Seit anderthalb Jahren steht der Politiker nicht mehr in der ersten Reihe seiner Partei. Als er sich nach der Wahlniederlage im Herbst 2013 von der Fraktionsspitze zurückzog, war die Rede von Ruhepause und Generationenwechsel, doch Trittin sitzt weiter in Talkshows, führt weiter große Interviews – und politische Ideen hat er auch noch genug.

Die aus grüner Perspektive eindeutigen Probleme sind unübersehbar. Da seien der Klimawandel, die Eurokrise, Fremdenfeindlichkeit. Braucht es eigentlich noch die Grünen um solche Probleme anzugehen? Stehen inzwischen nicht alle Parteien für eine ökologische Wirtschaft? Es braucht seine Partei, meint Trittin, denn mit der neuen Großen Koalition bewege sich die Politik heute weniger als je zuvor. „Dieses Buch plädiert dafür, die Aufgaben anzugehen.“

Großer Bogen

Dabei schlägt er einen großen Bogen, wie man die Industrie ökologisch umbauen, wie man sich international positionieren müsse und wie das soziale Ungleichgewicht wieder stabilisiert werden könne. Der Lobbyismus sei nicht per se ein Unglück, der Einfluss der stärksten Unternehmen müsse aber unterbunden werden. Die ökologische Frage sei eine soziale, weil es nach einem Umbau auch Verlierer gebe, um die man sich kümmern muss. Auch andere Generationen wollen noch auf diesem Planet leben. Trittin spricht von Gerechtigkeit.

Damit richtet er sich auch an seine innerparteilichen Gegner. Schon mancher seiner Kollegen aus dem Süden charmiert mit der Option, 2017 eine Mehrheit mit der Union zu suchen. „Ich gehöre zu den etwas altmodischen Grünen, die sagen, wo Grün drauf steht, muss auch Grün drin sein.“ Den Seitenhieb beherrscht Jürgen Trittin, dafür ist er bekannt.

Von der schwarz-grünen Vorstellung hält der Niedersachse nicht viel. Doch auch er muss einsehen, dass auf lange Sicht den Grünen eine arithmetische Perspektive fehlt. Für Rot-Grün reicht es lange nicht mehr, mit einem Einzug der AFD in den Bundestag sei selbst eine Regierung in rot-rot-grün nicht gesichert, an der auch noch viel gearbeitet werden müsse. Und trotzdem: „Demokratie ist, wenn die CDU auch mal nicht regiert“ und Thüringen zeige, alles sei machbar, auch Sachsen-Anhalt habe da im nächsten Jahr Potentiale.

Bei den Zuhörern kam die Veranstaltung gut an. Der 69-jährige Wolfgang Starke war im Internet auf die Lesung gestoßen und fühlt sich nun bestärkt in seiner Meinung: „Trittin hätte an manchen Stellen noch etwas konkreter werden können.“ Der 22-jährige Student Achim Sagner ist Mitglied der Grünen und ließ sich gar ein Foto von dem Politiker signieren: „Jürgen Trittin hört man gern zu.“ (mz)


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