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Planenschlitzer an der Autobahn: Die Gefahr auf dem Lkw-Rastplatz

Rudolf Meier steht auf der Ladefläche seines Lasters. Einen wirksamen Schutz gegen Planenschlitzer kennt er nicht.

Rudolf Meier steht auf der Ladefläche seines Lasters. Einen wirksamen Schutz gegen Planenschlitzer kennt er nicht.

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Nicolas Ottersbach

Halle (Saale) -

„Was will man machen, wir kriegen ja überhaupt nichts mit“, sagt Rudolf Meier. Der Trucker transportiert Stahl in seinem 40-Tonner und steht mitten in der Nacht auf dem Parkplatz Saaletal an der A38. An den Fenstern seiner Kabine sind die Vorhänge zugezogen, um nicht durch jeden Lichtschein geweckt zu werden. Die Laster sind gut isoliert, gefedert und schallgeschützt, damit sich die Brummifahrer nach Stunden auf der Autobahn so komfortabel wie möglich ausruhen können. Von den Planenschlitzern, die ihnen um Schutz der Dunkelheit die Laster leer räumen, bekommen sie meist nichts mit.

Die Täter agieren oft schnell und geräuschlos. In Sekunden schlitzen sie die Planen der Laster auf. Ein kurzer Blick auf die Ladeflächen reicht ihnen meist. Finden sie, wonach sie suchen, wird die Fracht in Windeseile in unscheinbare Transporter umgeladen. So schnell, wie die Planenschlitzer kommen, verschwinden sie mit ihrer Beute im Schutz der Nacht. Trotz starker Präsenz auf den Rasthöfen ist die Polizei offenbar machtlos. Seit Jahresbeginn haben die Planenschlitzer-Banden schon 48?Mal zugeschlagen.

Warnungen über Facebook

Die Rast- und Parkplätze entlang der Autobahnen im südlichen Sachsen-Anhalt werden in den vergangenen Wochen fast jede Nacht zu Tatorten. Lkw-Fahrer Meier, der seit mehr als 20 Jahren auf der Straße unterwegs ist, hat an diesem Abend über Facebook von den Planenschlitzern auf den Autobahnen 9, 14 und 38 erfahren. „Ein Kollege hat das geteilt, um zu warnen.“ Er selbst wurde auch schon zum Opfer, allerdings vor der eigenen Haustür. „Viel öfter kommt es vor, dass mir jemand Sprit abzapft“, sagt Meier. Auch das passiere ruckzuck.

Die Arbeit der Polizei will der Trucker nicht kritisieren. Dass sie der Kriminalität auf Rastplätzen offenbar nicht gewachsen ist, geben zwei Beamte zu, als sie auf dem Rastplatz Saaletal nach dem Rechten schauen. „Wir haben Zivilfahnder und unsere Streifenwagen, aber wir können nicht jeden Platz die ganze Nacht über kontrollieren“, sagt einer der Polizisten. Sie schauen sich aufmerksam um, leuchten dunkle Orte aus und unterhalten sich mit den Lastwagenfahrern. Auffällige Fahrzeuge stoppen sie. „Mehr können wir aber nicht machen.“

Immerhin zeigt die Polizei-Präsenz kleine Erfolge, wenn auch die Banden nicht von immer neuen Raubzügen abgeschreckt werden können. Erst am Mittwoch gelingt den Autobahnpolizisten ein Erfolg gegen die Kriminellen. In der Nacht nehmen sie einen 43 Jahre alten Mann fest, in dessen Transporter sie Diebesgut aus aufgeschlitzten Lastern finden. Er sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Vermutlich wollte auch er seine Beute über die Grenze bringen. „Wir hatten zurückliegend Hinweise darauf, dass Diebesgut nach Osteuropa transportiert wurde“, sagt Polizeisprecher Ralf Karlstedt. Konkrete Hinweise gibt es aber im aktuellen Fall nicht.

Düstere Parkplätze

Zwei tschechische Trucker müssen am Rastplatz Bachfurt an der A?9 mit Taschenlampen aussteigen, so dunkel ist es. Einige Straßenlaternen sind kaputt, einzig am Toilettenhäuschen schimmert orangefarbenes Licht. Schnell ist klar: Wer hier stoppt, macht das nicht freiwillig. Die Parkbuchten sind so überfüllt, dass selbst die dunkelste Ecke gut genug zum Einhalten der Ruhezeiten ist. „Wir fahren bis zur letzten Minute. Da nehmen wir, was wir kriegen können“, erzählt Johan Dvorak.

Ein Risiko gebe es immer, sogar an gut ausgeleuchteten Raststätten mit viel Verkehr. Dvorak hat nach mehreren Tausend Autobahnkilometern pro Woche Gelassenheit entwickelt, gerade weil er als Fahrer machtlos ist.

Einen Schutz gibt es jedoch: die Vollverkofferung. Statt Planen feste Wände. „Da kommt keiner mit dem Messer durch“, sagt Heinz Brescher, der Post-Pakete geladen hat. Die Idee einer „Truckerwehr“, bei der die Fahrer aufeinander aufpassen, sei nicht umsetzbar. Schließlich sind die Ruhezeiten dafür da, um sich wieder voll auf den Verkehr konzentrieren zu können.

Wirklich sicher sind die Fahrer auf keinem Parkplatz. Anzeigen kommen laut Karlstedt von allen Rastanlagen, für die die Direktion Süd zuständig ist. „Wir gehen davon aus, dass viele Täter überregional agieren.“ Deshalb werde auch mit der Polizei in Thüringen und in Sachsen kooperiert. Wie aktiv die Planenschlitzer aber sind, zeigen die Zahlen: In der Statistik für 2015 stehen rund 290 Straftaten und ein Schaden von einer halben Million Euro. Das sind nur die bekannten Fälle. Die Polizei geht davon aus, dass noch einmal so viele, wenn nicht sogar mehr Taten erst gar nicht angezeigt werden. (mz)


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