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Mitteldeutsche Zeitung | Offener Brief: Wissenschaftler wehren sich gegen Verurteilung von Abderhalden
16. December 2013
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Offener Brief: Wissenschaftler wehren sich gegen Verurteilung von Abderhalden

Straßenschild

Der Stadtrat soll nun entscheiden, ob hier bald ein neues Straßenschild hängt.

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THomas Meinicke

Halle (Saale)/MZ -

Einen Tag nach dem überraschenden Vorpreschen von Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) zur Umbenennung der derzeitigen Emil-Abderhalden- in Anton-Wilhelm-Amo-Straße haben sich mehr als 30 Wissenschaftler, Künstler, Historiker und Bürgerrechtler mit einem offenen Brief gegen eine Verurteilung des früheren Leopoldina-Chefs Abderhalden als Rassisten, Eugeniker und Mitglied des Establishments des Dritten Reiches gewandt.

Eine Initiative von fünf Uni-Professoren hatte den gebürtigen Schweizer, der bis 1945 an der Universität in Halle wirkte, Ende Oktober so bezeichnet. Rund 40 Wissenschaftler hatten damals einen Aufruf unterschrieben, die am künftigen Geisteswissenschaftlichen Zentrum der Martin-Luther-Universität vorbeiführende Abderhalden-Straße umzubenennen, um Schaden vom Wissenschaftsstandort Halle abzuwenden.

Namhafte Unterstützer

In dem jetzt vom Verein „Zeit-Geschichten“ veröffentlichen „Aufruf an die Unterzeichner zum Überdenken ihrer Unterschrift“ argumentieren namhafte Unterstützer wie der Historiker Udo Grashoff, der Biochemiker Peter Bohley, der frühere Burg-Rektor Ludwig Ehrler, die Künstler Wasja und Moritz Götze, die Bürgerrechtler Heidi Bohley, Katrin und Frank Eigenfeld und der Holocaust-Überlebende Max Schwab, früher langjähriger Professor an der MLU, dass der ursprüngliche Appell für eine Umbenennung „auf unzureichenden und zum Teil falschen Informationen“ beruhe.

„Viele Behauptungen, die in der Erklärung aufgestellt wurden, sind grob vereinfachend oder sogar unzutreffend“, heißt es. So sei Abderhalden zwar ein Anhänger der eugenischen Forschung, aber eben kein Verfechter der Rassentheorie gewesen. Auch habe er keineswegs zum NS-Establishment gehört.

Das zeige sich auch an der Art, wie der weltweit bekannte Biochemiker als Leopoldina-Chef die vom Nazi-Regime verlangten Ausschlüsse jüdischer Mitglieder der Leopoldina gehandhabt habe. Nach neuen Forschungen des Wissenschaftshistorikers Wieland Berg, die in der „Acta Historica Leopoldina“ veröffentlich werden sollen, habe Abderhalden die Streichung im Gegensatz zur Verfahrensweise allen anderen deutschen Akademien so vorgenommen, dass weder die Öffentlichkeit noch die Betroffenen etwas davon erfuhren. Damit habe der Leopoldina-Präsident beabsichtigt, die Streichungen jederzeit revidieren zu können. Das habe er auch getan, und zwar bereits am 9. Mai 1945.

Zerrbild Abderhaldens

Insgesamt entwerfe der Appell der professoralen Initiative „ein negatives Zerrbild Abderhaldens, das seine wissenschaftlichen und sozialpolitischen Verdienste nicht angemessen berücksichtigt“. Wenn das neue Geistes- und Sozialwissenschaftliche Zentrum der Martin-Luther-Universität „ein Ort des Nachdenkens und des Bemühens um differenzierte Einsichten“ werden solle, dürfe es nicht mit dem Geburtsfehler einer Entscheidung starten, die ohne Berücksichtigung wissenschaftlich recherchierten Wissens gefällt worden sei.

Um Schaden von der Universität abzuwenden, fordere man alle Unterzeichner des Appells der „Professoralen Initiative“ auf, „sich erneut und im Detail zu informieren, ihre Unterschrift zu überdenken und sie möglichst bald zurückzuziehen“.


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