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Mehr Bedürftige, weniger Spenden: Besorgniserregende Situation bei den "Tafeln"

Korbfarbe steht für die verschiedenen Produkte bei den Tafeln

Körbe in verschiedenen Farben stehen bei der Tafel für die Grundversorgung mit Obst und Gemüse, mit Backwaren und mit Milchprodukten und Fleisch- oder Wurstwaren. Gegen ein geringes Entgelt von im Durchschnitt 2,50 Euro können diese Körbe einmal aller drei Wochen von den Tafel-Kunden erworben werden.

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Lutz Winkler

Halle (Saale) -

Das „Land der Frühaufsteher“ - hier  gilt es  noch: Hier, wo man es  nicht zuerst vermutet: In der halleschen „Tafel“ in der Tangermünder Straße in Neustadt ist zeitiges Kommen angesagt. Wer später eintrifft, steht meist vor Regalen, die sich  merklich geleert haben, und die die Älteren unter den  Kunden   an die Verkaufsstellen zu DDR-Zeiten erinnern dürften.

Stadtmission verhängt Aufnahme-Stopp

Doch der Vergleich zu jener Zeit trifft leider derzeit auch insgesamt auf die Situation dieser von der halleschen Stadtmission betriebenen Einrichtung zu: Der Bedarf steigt und der Nachschub stagniert.  Anfang Januar musste die Stadtmission sogar das tun, was bislang nie nötig war, nämlich einen Aufnahme-Stopp verkünden, wie  Stadtmissions-Vorstand Elke Ronneberger erklärt.

Um zu verstehen, was das genau bedeutet, ist ein Blick auf das Arbeitsprinzip der  Tafel nötig. Die  zumeist in Großstädten ansässigen „Tafeln“ verteilen und verkaufen gegen einen Bruchteil der  Ladenpreise lebensnotwendige Waren, die zumeist von  großen Handelsketten gratis zur Verfügung  gestellt werden - etwa weil im Falle der Lebensmittel das Ende von deren Mindesthaltbarkeitszeitraum unmittelbar bevorsteht.

Nach den Erfahrungen des durchschnittlichen Spendenaufkommens nimmt die Tafel  Kunden auf, die ihre Bedürftigkeit aber durch amtliche Dokumente nachgewiesen haben müssen. Doch nicht zuletzt durch die gestiegene Zahl der Bedürftigen und Berechtigten im Zusammenhang mit der Migration musste sich  die hallesche Tafel bereits Ende letzten Jahres zu einem schmerzhaften  Einschnitt entschließen  und die Versorgung ihrer Kunden von einem Zwei-Wochen-Zyklus auf einen  Drei-Wochen-Zyklus strecken. Soll heißen, dass die drei Grundversorgungs-Körbe für 2,50 Euro mit  Backwaren,  Gemüse und   Molkerei- und Wurstwaren  nur aller drei Wochen erworben werden dürfen.

Gespendete Lebensmittel

Mit eigenem Tafel-Fahrzeug werden die  gespendeten Lebensmittel täglich von Mitarbeitern  abgeholt.

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Lutz Winkler

Erworben wohlgemerkt nur für die  in der Kundenkartei erfassten derzeit rund 1.100 Haushalte. Über diese Zahl hinaus gibt es laut Elke Ronneberger noch eine Warteliste. Doch wer dort vermerkt ist, kann nur dann auf die Berechtigten-Liste der Kunden nachrücken, wenn dort ein Platz frei wird. Etwa, weil jemand einen Job mit auskömmlicherem Einkommen gefunden hat.

Dringend Hilfe gesucht

Wie viele bedürftige alte und neue Einwohner nun keinen Zugang  mehr  zur Tafel, also zum   Lebensmittelbezug für ganz kleines Geld haben,    ist nur schwer zu schätzen - bei aktuell 35.000 Hallensern, die von  Hartz-IV leben und   3.700 Asylbewerbern, die  mehrheitlich erst im vergangenen Jahr in die  Stadt gekommen sind. Eine Zahl von kurz vor Weihnachten 2015 verdeutlicht das Problem: An einem „normalen“ Tag konnten nach vorhandenem  Angebot   für 55 Kunden mit 104 Kindern Lebensmittel ausgeben werden. In einer anderen Woche, in der die Tafel vor allem  Kunden mit Migrationshintergrund  betreut, sei die Anzahl der Kinder oft doppelt so hoch, sagt die Tafel-Chefin.  Der Vergleich mit  dem viel zitierten Tropfen auf dem heißen Stein scheint der Situation fast schon angemessen.

Die  demnächst   20-jährige Erfolgsgeschichte der Tafel in Halle stößt damit wohl  auch an Grenzen.  Was wäre  da zu  tun?  Elke Ronneberger hat darauf immer nur wieder  die eine Antwort: Man müsse versuchen, „noch mehr potenzielle Unterstützer  für diese so dringend nötige, regelmäßige  Hilfe zu sensibilisieren“.  (mz)


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