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Emil-Abderhalden-Straße in Halle: Neue Front im Straßenkampf

Straßenschild

Straßenschild der Emil-Abderhalden-Straße

Foto:

THomas Meinicke

Halle (Saale) -

Das Straßenschild ist noch immer da, auch zwei Jahre nach dem Beginn des großen Streits um den ehemaligen Leopoldina-Chef Emil Abderhalden. Damals, als klar war, dass das neue Geisteswissenschaftliche Zentrum der Uni an der nach dem Schweizer Wissenschaftler benannten Straße liegen würde, hatte eine Initiative von Uni-Professoren eine Umbenennung gefordert.

Falsche Vorwürfe?

Abderhalden, so ihr Wortführer Johannes Varwick, sei „ein Rassist der ersten Stunde gewesen“, er habe Euthanasie und Eugenik befürwortet und jüdische Mitglieder aus der Wissenschaftler-Akademie ausgeschlossen. „Abderhalden ist völlig ungeeignet für einen Straßennamen“, befand der Politikwissenschaftler - und erntete scharfen Widerspruch. Neben Wissenschaftlern waren es vor allem  Leute aus der Bürgerrechtsbewegung der DDR, die  Redlichkeit und Fairness im Umgang mit Abderhalden forderten.   Viele Vorwürfe gegen den 1950 gestorbenen Biochemiker seien schlicht falsch, andere müssten im Kontext der Zeit betrachtet werden, forderte etwa Heidi Bohley vom  Zeitgeschichten-Verein.

Einen „Straßenkampf“ nennt Knut Germar das bis heute unentschiedene Gefecht. Der Stadtrat hat die Frage der Umbenennung mehrfach vertagt, die Leopoldina ein neues Gutachten zum Wirken Abderhaldens verschoben. Auf Initiative der AG Antifa an der MLU hat deshalb nun Germar ein Alternativgutachten vorgelegt. Dabei, so der als renommierter Lokalhistoriker vorgestellte Germar, habe er keine neuen Fakten zu präsentieren, denn ohnehin sei schon „viel zu viel zu Abderhalden gesagt worden“. Ihm gehe es vielmehr darum, aufzuzeigen, wie auf beiden Seiten der Umbenennungsfronten falsche Schlüsse gezogen würden.

„Die Professoreninitiative hat ein tendenziöses Konvolut an Halbwahrheiten vorgelegt“, sagt Germar. Die Freunde Abderhaldens aber lägen mit ihrer „Gegenoffensive“ (Germar) ebenso falsch. Sein sozialpolitisches Engagement sei  weniger auf die  Linderung der individuellen Not  seiner halleschen Mitbürger in Kriegszeiten gerichtet gewesen als vielmehr dem Bemühen entsprungen, eine  „Zermürbung des Volkes“ zu verhindern und „das Durchhalten  zu erleichtern“.

Für Knut Germar, der für das lokale Internet-Magazin „Bonjour Tristesse“ und die linke Zeitschrift „Bahamas“ schreibt, wird Emil Abderhalden damit zum willigen Helfer Hitlers. „Für ihn als Schweizer wäre es leicht gewesen, zu gehen, aber er blieb und arrangierte sich mit dem System.“

Wenn auch in Grenzen, wie Germar dem Mann zugesteht, der zwischen 1919 bis 1923  für rund hunderttausend  unterernährte und an Tuberkulose erkrankte Deutsche Ferienaufenthalte in der Schweiz organisiert hatte. Abderhalden sei kein Nazi gewesen, auch der Vorwurf der Professoreninitiative, er habe rassistisch argumentiert, sei falsch. „Die Zitate, die ihm da vorgehalten werden, beziehen sich auf Forschungen an Schafen und Schweinen, die angeblichen Beweise sind damit eine Luftnummer.“

Auch vom Vorwurf, Antisemit gewesen zu sein, entlastet  der Lokalhistoriker den früheren Leopoldina-Chef. Germar, der  zuletzt kritische Texte über den „Schinder von Glaucha“ August Hermann Francke und  Turnvater Friedrich Ludwig Jahn veröffentlicht hatte, zitiert aus einer Studentenzeitung der halleschen Uni, die Abderhaldens Institut als „Eldorado der Juden und Ausländer“ bezeichnet hatte. „Es sind bis heute keine judenfeindlichen Äußerungen Abderhaldens aufgetaucht“, beschreibt Germar,  stattdessen habe der Wissenschaftler  sich sogar deutlich dagegen ausgesprochen, dass „jemand, weil er z.B. Jude ist, der gleichen Rechte und Pflichten im Staate beraubt“ werde.

Dass Knut Germar den 1945 von den Amerikanern in die Westzonen mitgenommenen Forscher dennoch einen „Nazi, der keiner war“ nennt, liegt denn auch nicht an der von ihm vorgenommen Streichung der jüdischen Mitglieder aus den Verzeichnissen der Leopoldina. Abderhalden sei ein „völkischer Denker“ gewesen, für den „jeder undeutsch war, der sich der Arbeit entzieht“. Abderhalden habe der Tüchtigkeit das Wort geredet und selbst noch in „greisem Größenwahn“ von einer wahren Volksgemeinschaft geträumt. Ihm selbst  sei es „ziemlich egal, ob der Straßenname bleibt oder die Straße umbenannt wird“. Fest stehe aber: „Abderhalden war ein ganz normaler Deutscher.“ (mz)


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