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Mitteldeutsche Zeitung | Die Geschichte eines Gerüchtes: Hausmeister des Maritim-Hotels in Halle angeblich zu Tode geprügelt
26. November 2015
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Die Geschichte eines Gerüchtes: Hausmeister des Maritim-Hotels in Halle angeblich zu Tode geprügelt

Ehemaliges Maritim-Hotel in Halle

Das Land mietet das ehemalige Maritim-Hotel für Flüchtlinge.

Foto:

Holger John

Halle (Saale) -

Der Mann muss furchtbar gelitten haben. Der Hausmeister des zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Maritim-Hotels in Halle ist von Bewohnern so massiv verprügelt worden, dass er im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlag.

Das ist eine unbestätigte Meldung. Und es wird eine unbestätigte Meldung bleiben. Ein Gerücht. „Der Hausmeister erfreut sich bester Gesundheit“, sagt Nancy Eggeling, Sprecherin im Innenministerium. „Es gab definitiv keinen Fall, bei dem ein Maritim-Mitarbeiter verprügelt worden und im Krankenhaus gestorben ist“, sagt Ulrike Diener, Polizeisprecherin in Halle.

Mehr als ein Dutzend Anfragen

Sie sagt es nicht zum ersten Mal. Allein Diener hat in den letzten zwei Wochen mehr als ein Dutzend Anfragen zu dem angeblich toten Hausmeister bekommen, von Bürgern, von Journalisten. Die Polizei dementiert und dementiert und dementiert. Aber das Gerücht hält sich hartnäckig. Seit Wochen wabert es durch Halle, verbreitet sich rasant in sozialen Netzwerken und auf der Straße. Nachbarn erzählen sich davon, Taxifahrer ihren Kunden. Manchem User im Netz geraten dabei vor lauter Aufregung die Örtlichkeiten durcheinander. Ein Post, in dem der Angriff auf den Mann behauptet wird, findet sich wortgleich auf zwei verschiedenen Websites. Einmal spielt der Fall in Halle, das andere Mal in Hannover.

Egal. Solche Unschärfen halten ein Gerücht nicht auf, ebenso wenig wie Richtigstellungen. „Es ist ein Charakteristikum von Gerüchten, dass das Dementi gleich wieder inkorporiert wird“, so sagt es Marcel Machill, Leiter der Abteilung Journalistik an der Uni Leipzig. Sprich: Das Gerücht ist stärker, es schluckt das Dementi einfach - als hätte es das nie gegeben. Falschbehauptungen finden in diesen aufgeheizten Tagen leicht Futter: Das Thema Flüchtlinge geht jeden irgendwie an, aber niemand weiß Genaues - wer sind diese Menschen, und was machen sie eigentlich in ihren Unterkünften? Eine solche Konstellation, sagt Machill, sei „ein idealer Nährboden“ für die Entstehung von Gerüchten.

Im Internet schnell verbreitet

Im Netz werden solche Geschichten zigfach geliked, zigfach geteilt und so schnell für bare Münze genommen. Hans Vorländer, Politologe an der TU Dresden, spricht von einer „Vorurteilsgemeinschaft“ in den sozialen Netzwerken: „Viele dort wähnen sich in der Mehrheit, weil sie sich nur mit Gleichgesinnten austauschen.“

Was nicht heißt, dass es nicht auch User gibt, die nachfragen, was dran ist an einem Gerücht. Die dagegenhalten. Auch im Fall des angeblich toten Hausmeisters. Aber dringen sie durch? Auf einschlägigen Anti-Asyl-Seiten werden kritische Kommentare mitunter einfach gelöscht. Und viele, die in den letzten Wochen - etwa bei Facebook - Hetze gegen und Lügen über Flüchtlinge meldeten, machten eine ernüchternde Erfahrung: Es passierte - nichts. Facebook sah keinen Verstoß gegen Standards.

Im Netz braucht es starke Regeln

„Es wäre schon viel geholfen, wenn die Betreiber sozialer Netzwerke ihren Verhaltenskodex auch umsetzen“, meint Machill. Doch selbst wenn nicht, der Journalistik-Professor setzt auf die „Selbstreinigungskraft“ des Netzes. Auf Blogger etwa, die Hetz-Kommentare öffentlich machen und die Profile der Kommentatoren gleich dazu.

Aber reicht das? Nein, findet Machill: Auch im Netz brauche es starke Regeln, „die unserer Debattenkultur entsprechen“. Dafür genüge es, bestehendes Recht auch auf die sozialen Medien anzuwenden. Schließlich gelte: „Auch das Weiterverbreiten einer Verleumdung ist eine Verleumdung.“ Machill sieht die Strafverfolgungsbehörden stärker gefordert, solchen Verstößen nachzugehen. (mz)


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