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Mitteldeutsche Zeitung | Der Fall Mariya N. aus Halle: Wie der perfekte Mörder in Sachsen-Anhalt tötete
04. February 2016
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Der Fall Mariya N. aus Halle: Wie der perfekte Mörder in Sachsen-Anhalt tötete

Gedenkstein

Ein Gedenkstein aus Marmor erinnert am Tatort des Mordes an Mariya Nakovska an das Geschehen vom späten Abend des 6. Februar 2014.

Foto:

Andreas Stedtler

Es ist das dunkelste Stück Innenstadt, das Halle zu bieten hat. Direkt an einem kleinen Saalearm entlang führt ein tagsüber beliebter Fußweg. Spaziergänger bummeln hier, Jogger schwitzen vorüber, Männer führen ihre Hunde aus und Mütter ihre Kinder. Nur am Anfang des Weges steht eine einsame Straßenlaterne, dahinter wird es nach Sonnenuntergang über 400 Meter finster: Ein düsterer Tunnel, den Frauen schon seit Jahren aus Furcht meiden.

Und das erst recht, seit hier ein kleiner weißer Stein steht, der an das Geschehen vom Abend des 6. Februar 2014 erinnert. Die 29-jährige Studentin Mariya Nakovska war damals hier unterwegs, sie joggt, es ist ein lauer Winterabend, fünf Grad, Luftfeuchtigkeit 75 Prozent, der Himmel halb bedeckt. Die gebürtige Bulgarin, die seit fast zehn Jahren in Halle lebt, hat keine Angst. Sie läuft hinein in den Tunnel. Und kommt nie mehr hinaus.

Große Multimedia-Reportage zum Mordfall Mariya

Am nächsten Tag wird die Leiche der jungen Frau gefunden, die in Halle Wirtschaftswissenschaften studiert und nebenher als Garderobiere und Kellnerin gejobbt hatte. Mariya Nakovskas Leichnam liegt auf der anderen Seite des Mühlgrabens im Wasser. 200 Meter flussabwärts, in der Nähe eines Stegs der Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Bäuchlings schwimmt die brünette Studentin im Wasser. Kopf, Knie und Füße berühren den Boden. Mariya Nakovska ist von der Hüfte abwärts nackt. Der herbeigerufene Notarzt glaubt zuerst, die Strömung habe sie entkleidet.

„Das war natürlich eine falsche Beurteilung“, sagt Staatsanwalt Klaus Wiechmann zwei Jahre später. Er sitzt in einem kleinen Büro im Justizzentrum Halle, vor sich die Ermittlungsakten eines Falles, der Polizei und Staatsanwaltschaft alles abverlangt hat. Und alle Beteiligten der SoKo Neuwerk bis heute schmerzt, weil „alles, was versucht wurde, nicht zu einem Ergebnis geführt hat“, wie Wiechmann sagt.

Es liegt nicht an der Falscheinschätzung zu Beginn. Die hält nur ein Wochenende lang, dann stufen Staatsanwaltschaft und Polizei den Fall Mariya als Mord ein. Die große Maschine beginnt zu laufen, schneller und lauter als bei den normalen Mordfällen, mit denen die Ermittler zu tun haben. „Mann erschlägt Frau, weil sie die Fernbedienung nicht herausgibt“, beschreibt Wiechmann den kriminalistischen Regelfall in der Region. Der Täter sitzt dann oft weinend bei der Leiche, die Handschellen klicken. Die Akte kann geschlossen werden.

Was die Ermittler alles getan haben, um den Täter zu finden und warum die Tat eine Menge über den Mörder verrät, lesen Sie auf Seite 2.

Diese Akte hier, inzwischen eigentlich ein Stapel großer Umzugskisten, ist anders. Nach Obduktion und minutiöser Spurensuche am Tatort, nach Funkzellenerfassung aller zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt in der Nähe eingebuchten Handys und einem Gentest, bei dem mehr als 3.000 Männer um die Abgabe einer DNA-Probe gebeten wurden, ist der Täter noch immer genau so weit weg wie am Morgen des Tages, an dem ein Spaziergänger Mariya Nakovskas Leiche im Mühlgraben treiben sieht. „Wir haben keine heiße Spur, keinen roten Faden, keine neuen Ermittlungsansätze mehr“, sagt Klaus Wiechmann. Zwei Jahre nach dem Beginn der Suche nach dem Unbekannten, der aus dem Dunkel kam und dort unerkannt wieder verschwand, stehen die Ermittlungen vor der Einstellung. „Vorläufig“, sagt Wiechmann. Sobald etwas Neues auftauche, ein Hinweis, eine Idee, geht es weiter. Eine Rechtshilfeersuchen ins Ausland zur Ermittlung von Handybesitzern sind noch offen. „Vielleicht kommt da was“, sagt Wiechmann.

Große Multimedia-Reportage zum Mordfall Mariya

Aber die Hoffnung schwindet, obwohl der Täter den Ermittlern eigentlich gut bekannt ist. Ein Gutachten der Profiler des Landeskriminalamtes Sachsen, die darauf spezialisiert sind, aus Taten auf Täter zu schließen, verrät eine Menge über den Mann, der am späten Abend des 6. Februar 2014 zuschlug. Er ist mit größter Wahrscheinlichkeit zwischen 20 und 35 Jahre alt, sportlich, ein kräftiger Typ, der stressfest ist, wie es die Profiler nennen, und der auch unter hoher seelischer Belastung pragmatisch handelt. In drei Kilometern Umkreis vermuten die Profiler seinen „Ankerpunkt“, den Ort, an dem der Täter lebt, an den er nach der Tat zurückkehrte, um sich zu säubern und umzuziehen. Viel spreche dafür, dass er wie Mariya Nakovska zu Fuß ging, getarnt als Spaziergänger oder Jogger. Vermutlich war er sogar Spaziergänger oder Jogger, bis ihm Mariya über den Weg lief.

Aus unendlich vielen Details haben die Ermittler den möglichen Tatverlauf zusammengepuzzelt. Mariya joggt, die Kopfhörer ihres Handys im Ohr, auf dem über eine Radio-App Musik läuft. Die App hat sie um 21.36 Uhr aufgerufen, vermutlich der Zeitpunkt, an dem sie ihre Joggingrunde beginnt. Mit „Mantrailern“ genannten Hunden, die Duftspuren noch nach Tagen wittern können, vollziehen die Fahnder später ihre Route nach: Sie endet am Mühlgraben gleich zu Beginn der Strecke, die auch die Ermittler nur den „Tunnel“ nennen. Hier liegt Mariyas pinkfarbener Kopfhörer, einige Meter entfernt im Gebüsch wird später ihr Samsung-Handy gefunden.

Die Rekonstruktion der Tat ist ein Abwägen von Wahrscheinlichkeiten. Nach Ansicht der Profiler kam Mariya Nakovskas Mörder von hinten. Das Opfer hörte ihn nicht, es konnte ihn auch nicht sehen. Ansatzlos habe der Mann Mariya zu Boden geworfen. Vermutlich geschah das, dafür spricht die Spurenlage, nicht auf dem betonierten Weg, sondern am Rand, auf dem weichen Mutterboden. Mariya fällt, überrumpelt, bedrängt und niedergedrückt. Ob ihr Handy jetzt ins Gebüsch fliegt oder erst später durch den Täter oder einen Passanten weggeworfen wird, ist unklar. Ein Fingerabdruck auf dem Display - in den Akten Spur T07.1 genannt - zeigt ein Stück eines Daumenballens, der nicht Mariyas ist. Gehört er dem Täter? Oder wem sonst?

Wie die Profiler die Tat rekonstruieren und was sich in der Nacht abgespielt haben könnte, lesen Sie auf Seite 3.

Ein Rätsel, das in den 24 Monaten seit der Tat nicht aufgelöst werden konnte. Und nicht das einzige: Auch eine DNA-Spur auf dem Handy und Fingerabdrücke auf dessen Rückseite können weder Mariya noch ihren Freunden oder Bekannten zugeordnet werden.

Es könnten Spuren des Mannes sein, der sein Opfer in den ersten Sekunden von hinten niederdrückt und ihr Jogginghose und Slip gleichzeitig bis unter die Kniekehlen herunterreißt. Mariya wehrt sich, sie schreit vermutlich. Doch der Tunnelweg am Neuwerk schluckt Geräusche wie er das Licht wegschluckt. Einen „idealen Tatort“ nennen die Spezialisten aus Sachsen die Stelle später.

Große Multimedia-Reportage zum Mordfall Mariya

Die LKA-Profiler, offiziell heißen sie Fallanalytiker, setzen nur drei bis fünf Minuten für das gesamte folgende schreckliche Geschehen an. Es gibt keinen langen Kampf. Der Täter kommt mutmaßlich sogar mit wenigen Abwehrverletzungen in Form oberflächlicher Kratzspuren davon. Die habe er, so die Experten, „im Alltagsleben leicht mit einer Legende erklären können“. Mariya Nakovska liegt unter ihm, sie dreht sich zur Seite weg, bemüht, ihm zu entkommen. Der Täter reagiert darauf nicht einmal über die Maßen brutal. „Er wendet nur so viel Gewalt an, um die Kontrolle zu behalten“, analysiert das Profiler-Papier ebenso objektiv wie für Außenstehende grausam.

Drei Minuten, vielleicht fünf, so lange, so kurz nur dauert der Überlebenskampf von Mariya Nakovska. Unter ihren Fingernägeln werden später Spuren fremder DNA gefunden, die Spur heißt „DYS unPO1“. Auch in ihrer Vagina befinden sich Reste männlicher DNA. Diese Spur - S19 genannt - verweist auf zwei Verursacher. Einer der beiden könnte ein Freund, der andere der Täter sein. Oder es gab zwei Freunde. Oder zwei Täter? „Eine feste Beziehung hatte sie in den letzten Wochen vor ihrem Tod nicht“, sagt Klaus Wiechmann.

Es ist alles kompliziert. Ein Teil der DNA-Anhaftungen besteht nur aus „einem Hauch von Spur“, wie es in der Akte heißt. Andere sind Mischspuren, unabsichtlich zusammengesetzt von mehreren Verursachern. Und zu allen fehlt die Vergleichsmöglichkeit. Im persönlichen Umfeld der Toten wurde schon in den ersten Tagen nach der Tat intensiv geprüft, ohne dass sich ein Verdacht ergab.

Warum die Ermittler davon ausgehen, dass Mariya ein Zufallsopfer war, lesen Sie auf Seite 4.

Was bleibt, ist das Schlimmste für Ermittler: Eine Spontantat, bei der zwischen Opfer und Täter keine persönliche Beziehung gibt - abgesehen von Zeit und Ort. Der Ort ist hier dieser dunkle Tunnel, die Zeit jener Februarabend 2014. Das Opfer ist reiner Zufall, denn Mariya Nakovska geht zwar regelmäßig joggen. Aber dass sie an diesem Abend gehen wird, nachdem sie um halb Acht ein Internettelefonat beendet, gekocht und gegessen hat, das kann niemand wissen. Mariya hätte jede andere sein können. Vor der Tat seien keine Planungselemente erkennbar, wie es in der Akte heißt. „Die Verfügbarkeit des Opfers war nicht absehbar“, heißt es auch, und der Täter habe „situativ eine Gelegenheit ausgenutzt“.

„So hart es klingt“, sagt Klaus Wiechmann, „Mariya war zur falschen Zeit am falschen Ort“. Dort, wo unter dem halb bewölkten Februarhimmel auch der Täter ist, von dem bis heute niemand weiß, ob er bei früheren Gelegenheiten vielleicht beinahe schon einmal zugeschlagen hätte. Oder ob dieser von den Profilern als „dynamisch und ohne Zögern“ vollendete Mord an Mariya Nakovska sein erster Ausflug hinter die Grenze der Menschlichkeit ist.

Hat er es vorher schon einmal getan? Die SoKo hat das geprüft und bundesweit keine Hinweise darauf gefunden. Kein ähnliches Vorgehen, keine abgebrochenen Versuchstaten mit derselben Handschrift. Wird er es wieder tun? Vielleicht weiß er es selbst nicht. Sicher ist: Der Mann hat am Neuwerk Spuren hinterlassen, jede Menge sogar. DNA-Anhaftungen an Mariyas Händen, Spermaspuren, große, rote Druckstellen an ihrem Hals, den er würgte, bis sie tot war. Spuren aber auch seiner Psyche, die es ihm erlaubte, Mariya zu töten. Und die Tote intim zu berühren und sie zu missbrauchen

Er zeigt keinen Anflug von Nervosität. Sondern findet problemlos zu einer „praktischen, schnellen und effektiven Opferbeseitigung“, wie die Analytiker schreiben. Der Täter schiebt Mariyas Leiche ein, zwei Meter weiter Richtung Böschung und lässt sie in den Mühlgraben gleiten. Er selbst steht auf und geht. Womöglich, die Profiler schließen das nicht aus, ist der Mann sogar kaltblütig genug, sich später am Abend noch auf einer Party sehen zu lassen oder Freunde zu treffen. „Auffälligkeiten im Alltag sind bei ihm nicht wahrscheinlich“, heißt es im Täterprofil.

Große Multimedia-Reportage zum Mordfall Mariya

Der Mann, der Mariya Nakovska getötet hat, sieht aus wie der perfekte Mörder, ein Schemen in der Dunkelheit. Die Fahnder sehen in seiner Tat keine „typischen personifizierenden Elemente“. Außer dem einen, dass die Tötung selbst kennzeichnend für diesen Täter ist: Der Mörder hätte Mariya Nakovska nicht umbringen müssen. Vermutlich hatte sie sein Gesicht überhaupt nicht gesehen, geschweige denn es gut genug erkannt, um ihn beschreiben zu können.

Er tat es trotzdem, ohne Zögern, unsichtbar in diesem dunklen Tunnel, der tagsüber so ein hübscher Ort ist, wenn Sonnenstrahlen durch die Bäume auf Mariyas Gedenkstein aus Marmor fallen. Die Stadtverwaltung von Halle hat auf Nachfrage nach Plänen, den Todesweg von Mariya Nakosvska künftig besser zu beleuchten, erklärt: „Zu laufenden Ermittlungen kann die Stadt keine Auskunft geben.“ (mz)

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