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BAP-Konzert in Halle: Sanfte Show mit leisen Liedern

Wolfgang Niedecken, Frontmann der Gruppe BAP

Wolfgang Niedecken und seine Band BAP haben haben am Freitagabend nach 14 Jahren wieder in Halle ein Konzert gegeben.

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Steffen Könau

Halle (saale)/MZ -

Den "Jupp" hätten sie damals sicher auch gespielt. Und "Verdamp lang her" natürlich, den Hit, der Anfang der 80er aus der regional erfolgreichen Rockband BAP ein nationales Phänomen gemacht hatte. "Bis nach Peking mit Kölschrock", wird Wolfgang Niedecken später auf der Bühne des Steintores in Halle staunen, "das ist für mich immer noch ein Wunder."

Niedecken ist an diesem Abend zurück in Halle, wo er mit BAP zum letzten Mal vor 14 Jahren gastiert hat. Die Halle ist voll, ausverkauft seit Monaten, das Programm ein ganz anderes als sonst. "BAP zieht den Stecker" hat das letzte verbliebene Urmitglied der deutschen Rockinstitution die Konzertreise genannt, "weil MTV uns verboten hat, unplugegd drüberzuschreiben". Beides sei ja geschwindelt, klärt Niedecken dann auf: "Wenn wir den Stecker wirklich ziehen würden, könntet ihr nichts hören."

Kein normales BAP-Konzert

Das wäre schade, denn was die um den Gitarristen Ulrich Rode, BAP-Dauergast Anne de Wolff an Bratsche und Geige und den marokkanischen Percussionisten Rhani Krijaergänzte BAP-Stammbesetzung mit Jürgen Zöller am Schlagzeug, Werner Kopal am Bass und Michael Nass an den Keyboards genau 30 Jahre nach der von den DDR-Behörden damals abgesagten DDR-Tournee bieten, ist hörenswert. Trotz "Jupp" und "Verdamp lang her" kein normales BAP-Konzert, auch keine Rockshow, wie sie die Fans aus Sachsen-Anhalt anno 1984 sicher erlebt hätten, wäre nicht auch das geplante Konzert in einer Turnhalle in Halle-Neustadt damals wegen von Niedecken in Liedform gegossener DDR-Kritik abgesagt worden.

Sondern eine sanfte Show mit leisen, überwiegend weniger oft gespielten Liedern, die Niedecken zum Teil eigens für diese Tour ausgegraben und renoviert hat wie den Uralt-Song "Nippes, Ehrenfeld und Kreuzberg". Die Band spielt das früher steifbeinige und kratzige  Stück Liedermachermusik in einem eleganten Akustik-Sound, wie ihn Sting oder Bruce Springsteen bei ihren Unplugged-Platten bevorzugen.

Fans sind seit Jahrzehnten treu

Wenig verwunderlich, schließlich trommelt Rhani Krija auch in der Sting-Band. Und es passt, denn so wie Niedecken nach einem Schlaganfall vor zweieinhalb Jahren nicht mehr der wilde Rocker sein kann und will, der mit der E-Gitarre und zwei Flaschen Rotwein pro Konzert "Diss Naach ess alles drinn" verspricht, so wenig ist sein Publikum noch beseelt von Sturm- und Drangsehnsüchten. Gesittet sitzend, folgen die Fans, die ihrem Idol zumeist seit Jahrzehnten treu sind, einem Programm aus Stücken vom aktuellen Niedecken-Soloalbum "Zosamme alt", wenig gespielten BAP-Preziosen wie "Lisa" und  Klassikern wie "Do kannst zaubre".

Niedecken, immer noch in T-Shirt und Jeanshemd, doch inzwischen mit grauem Haar, Kinnbart und tiefen Falten im Gesicht, schafft es, sein Publikum mitzunehmen auf eine Reise durch Jahrzehnte, zu denen er den Soundtrack geschrieben hat. Der "Novembermorje" erinnert noch mal an das "Amerika"-Album von Mitte der 90er, als Bassist Kopal neu zur Band stieß und Niedecken endgültig zur einzigen Konstante im BAP-Universum wurde. "Magdalena" eröffnet Krija mit nordafrikanischen Rhythmen Platz zum glänzen, bei "Gulu" darf Michael Nass an den Tasten solieren und auch Ulrich Rode bekommt Raum, sein Können an der Gitarre zu zeigen. Niedecken hält mit seiner unverwechselbaren Stimme alles  zusammen, tiefer als früher, näher noch am späten Dylan jetzt.

Orkan an Applaus

So klingt alles wie aus einem Guß, auch weil Niedecken zwischen den Liedern den richtigen Ton findet. Er lobt Halle, das er am Vormittag durchwandert hat. "Die Stadt hat sich mächtig rausgemacht", sagt er. Er lobt die Fans, die so aufmerksam lauschen. "Als wir zum Tonfilm-Album vor 15 Jahren zum ersten Mal in bestuhlten Hallen gespielt haben, gab es noch mächtigen Protest, jetzt sitzt ihr wohl auch lieber", schmunzelt er und hebt für "Babylon" zumindest das traditionelle BAP-Schunkelverbot auf: "Jetzt könnt ihr wenigstens im Sitzen tanzen".

Auch Niedecken selbst sitzt, lässt es aber an Stehvermögen nicht fehlen. 21 Songs umfasst das reguläre Programm, zweimal kommen die sieben Musiker dann noch zu Zugaben zurück, umtost von einem wahren Orkan an Applaus. Jetzt gibt es "Rita" und "Do kannst zaubre", textsicher vom ganzen Steintor mitgesungen. Danach noch "Rääts un links vum Bahndamm", das stille "Aureblecke" und schließlich mit "Sendeschluss" eine nachdenkliche Ballade aus dem Jashr 1982, die auch auf der Setlist der DDR-Tour des Jahres 1984 stand. Acht Minuten dauert das Lied über die Begegnung eines Fans mit seinem Star heute, 30 Jahre später. Das fünfzehnjährige Mädchen von damals sitzt vielleicht im Saal, 45 Jahre alt, verheiratet und Mutter. Der Sänger oben, der nächste Woche 63 werden wird, hat die Augen geschlossen und die Arme vor der Brust verschränkt. Er ist noch einmal dahin zurückgegangen, wo er herkommt, und er hat sie alle mitgenommen. Der Saal ist gerührt, bewegt und lange nach dem letzten Ton noch mucksmäuschenstill.


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