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60 Jahre NVA: Warum ein ehemaliger Offizier sich nicht beklagt

Ex-Oberstleutnant Wolfgang Grenzebach

Erinnerungen unterm Dach: Wolfgang Grenzebach im Traditionskabinett.

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Andreas Stedtler

Halle (Saale) -

Immer Ende Februar taucht der straffe, aufrechte Herr mit den vollendeten Umgangsformen in der Anzeigenannahme auf, in der Hand ein sorgfältig beschriebenes Papier. „Allen Ehemaligen meinen Glückwunsch“, steht in zackigen Buchstaben darauf. Oder „wir haben einer besseren Sache gedient“. Oder auch „Ab heute wieder Schirmmütze!“

Meist hat Wolfgang Grenzebach Glück und seine Anzeige wird angenommen. Manchmal klappt es aber auch nicht. Dann mäkelt jemand, weil Grenzebachs Annonce „Gediente in fremden Streitkräften“ grüßen will. Oder dass er mit „Oberstleutnant a.D.“ unterschreibt. „NVA-Offizieren ist das verboten, im Unterschied zu Wehrmachtssoldaten“, knirscht der Mann, der sich sein a.D. für „außer Dienst“ gleich 1990 trotzig im Telefonbuch hat eintragen lassen.

Grenzebachs Mission

Grenzebach, 69 und vom Habitus eine Mischung aus Heinz-Florian Oertel und Wolfgang Schäuble, nimmt Widerstand sportlich. Der Hallenser ist unterwegs auf einer Mission, seit zweieinhalb Jahrzehnten schon. Ex-Oberstleutnant Wolfgang Grenzebach von der 11. Motorisierten Schützendivision, Standort Halle, möchte, „dass nicht vergessen wird, dass hunderttausende DDR-Bürger die Uniform der NVA getragen und damit den Frieden in Europa gesichert haben“.

Grenzebach selbst war ein Vierteljahrhundert einer von ihnen, erst als Soldat, dann als Leutnant, schließlich als Kompaniechef und am Ende als Stabsoffizier, der dem Zusammenbruch all dessen zuschaut, was sein Leben ist.

Ein Leben, das sich der Lehrersohn aus Tilleda selbst ausgesucht hatte - im Unterschied zu den meisten anderen jungen Männern, mit denen er an einem trüben und regnerischen Novembertag des Jahres 1965 vor der Kaserne in der halleschen Paracelsusstraße Abschied vom Zivilleben nimmt. „Um meine Mitschüler wurde ständig geworben“, schildert Grenzebach seinen Weg in die damals noch keine zehn Jahre alte Nationale Volksarmee. Er aber, kein Arbeiterkind, sondern Sohn eines Geschichtslehrers, wird links liegengelassen. Die NVA soll schließlich die Armee des Proletariats sein, eine Waffe im Klassenkampf, in der Arbeiter kämpfen.

Familie Grenzebach zählt in der streng geordneten kleinen DDR-Welt zur sogenannten Intelligenz. Und deren Angehörige sind nicht erste Wahl für die Besetzung der jungen Nationalarmee der halbierten Nation. Grenzebach sieht gnatzig vor Neid, „was für Schlaffis die eingezogen haben“. Und eines Tages fühlt er sich dann so zurückgesetzt, „dass ich hingegangen bin und gefragt habe, was mit mir ist“.

Wie die NVA im Haus des ehemaligen Offiziers weiterlebt, obwohl Grenzebach schon früh bemerkt, wie Anspruch und Wirklichkeit der DDR-Realität auseinanderdriften, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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