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„Allahu Akbar“: Falscher Imam schürt Angst auf Halles Boulevard

Sven Liebich gibt sich als Imam aus, um gegen Muslime Stimmung zu machen.

Sven Liebich, ein stadtbekannter Rechter, gab sich als Imam aus, um gegen Muslime Stimmung zu machen.

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Stefan Chmielewski

Halle (Saale) -

Shehroz Sial blickt mit gemischten Gefühlen Richtung Wochenende. Am kommenden Samstag möchte er mit anderen Gemeindemitgliedern der Ahmadiyya Muslim Jamaat Jugendorganisation wieder vor der Ulrichskirche für seinen Glauben werben.

Sial hofft, dass sich die Ereignisse vom Wochenende dabei nicht wiederholen. Als er und drei weitere Gemeindemitglieder vor knapp einer Woche ihren Informationsstand in der Innenstadt aufgebaut hatten, rückte die Polizei an. Grund war aber nicht die Aktion der Muslime, sondern ein Auftritt von Sven Liebich, dem wohl bekanntesten Vertreter der rechten Szene in der Stadt.

Stadtbekannter Rechter macht Stimmung gegen Muslime

Mit erhobenem Zeigefinger und ganz in Schwarz gekleidet brüllte der Mann mit Vollbart in der Nähe der Kirche „Konvertiert!“ und „Allahu Akbar“. „Kämpft für Allah“ hallte durch die Straße. Der Organisator der Montagsmärsche hatte sich als Imam verkleidet und gab vor, für den Islam zu werben.

„Viele Leute haben wirklich gedacht, er gehört zu uns“, sagt Sial. So etwas hätte er noch nicht erlebt. „Auf einmal kamen zwei Männer auf uns zu und schrien uns an“, erklärt Sial weiter. „Ich habe gerade mit einer älteren Dame gesprochen und war einfach geschockt.“

Der Sprecher der muslimischen Jugendorganisation geht davon aus, dass die Männer zu Liebich gehörten. „Der hat sich Leute mitgebracht, aber das hat man nicht gleich erkannt“, sagt er.

Selbsterklärtes Ziel des falschen Imams: die Passanten zu täuschen

Er selbst habe zunächst nicht einmal gewusst, wer sich da in dunkler Kutte aufbaute. Erst von Passanten habe er erfahren, dass der Mann ein bekannter Rechter sei. „Ich hatte ihn zwar vergangene Woche auch schon bei einer Demonstration gesehen, aber ihn nicht ernst genommen“, sagt der Sprecher.

Für einige Fußgänger erweckte Liebich mit seinem schwarzem Umhang und einem abgeschnittenem Basecap auf dem Kopf den Eindruck, wirklich ein muslimischer Geistlicher zu sein.

Im Internet beschreibt der wegen Körperverletzung vorbestrafte T-Shirt-Verkäufer selbst als Ziel seiner Aktion, die Passanten zu täuschen. Die sollten im Nachgang „anderen von der Gefahr berichten“, schreibt Liebich in einem Youtube-Kommentar.

Falscher Imam am Boulevard: Kaum jemand ist gegen die „Predigt“ eingeschritten.

Dass er damit tatsächlich eine abschreckende Wirkung erzielte, bekamen die Muslime am Samstag deutlich zu spüren.

„Die Leute haben plötzliche einen Bogen um uns gemacht“, berichtet Sial. Einige seien stehen geblieben, hätten aber lieber Liebich zugehört, als direkt die Muslime zu ihrem Glauben zu befragen. Sial findet es traurig, dass die meisten Passanten nichts gegen die „Predigt“ gesagt hätten. „Viele Hallenser wissen doch, wer das ist, und haben ihn trotzdem einfach reden lassen.“ Irgendwann entschied sich der Muslim daher, den Störer selbst zur Rede zu stellen. „Aber er hat mich einfach ignoriert.“

Inszenierung an der Ulrichskriche endete mit Polizeieinsatz

Der falsche Prediger inszenierte seinen Auftritt in sozialen Netzwerken und auf seiner Webseite. Und er erhält dafür Zuspruch. Tausende Male wurden die Filme bereits angeklickt, geliked und kommentiert. Der Mitteldeutschen Zeitung gegenüber wollte Sven Liebich am Donnerstag aber nichts zu seiner Aktion sagen.

Am Samstag endete seine Inszenierung an der Ulrichskirche, nachdem eine Hallenserin die Polizei rief. Die Beamten erteilten Liebich einen Platzverweis für die unmittelbare Nähe zum Stand der Muslime.

Daher setzte der Mittvierziger seinen Protest auf dem Marktplatz fort. „Dass war uns bekannt“, sagt Ralf Karlstedt, Sprecher der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd. Da die Aktion an sich aber gegen kein Gesetz verstoße, bestand für die Beamten kein weiterer Handlungsbedarf.

Keine Anzeige gegen den Aktivisten

„Es muss alles verhältnismäßig bleiben, er hat die Veranstaltung gestört und dafür den Verweis bekommen.“ Den Polizisten gegenüber erklärte der T-Shirt-Verkäufer am Samstag, seine Aktion sei nichts anderes als Kunst gewesen. Anzeige gegen den Aktivisten habe niemand erstattet, sagte der Polizeisprecher.

Für kommenden Samstag möchte die Jugendorganisation erneut einen Stand an der Ulrichskirche aufbauen. Derzeit bespreche man mögliche Sicherheitsmaßnahmen. Um Wachschutz oder Polizisten habe man aber nicht gebeten. „Vor Fußballfans hat man uns gewarnt, aber vor Sven Liebich nicht“, sagt Shehroz Sial. (mz)

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