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Entspannung: Meditieren umfasst mehr als «Ohmm»-Murmeln

Uhr | Aktualisiert 25.11.2012 15:07 Uhr
Durch Konzentration und Besinnung Stress abbauen: Meditation kann dazu beitragen, den Gedankenfluss zu unterbrechen. (FOTO: DPA) 
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Mit geschlossenen Augen im Schneidersitz auf dem Boden hocken und ein langgezogenes "Ohmmm" murmeln - das ist in etwa das Bild, das viele vor Augen haben, wenn sie an Meditation denken. Das ist nicht unbedingt falsch, greift aber zu kurz.
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Halle (Saale)/MZ. 

Denn Meditieren umfasst mehr als "Ohmm"-Murmeln. Es ist eine effektive Möglichkeit zum Entspannen.

"Meditation ist der Sammelbegriff für eine Vielzahl von mentalen Verfahren", sagt Björn Husmann, Psychotherapeut und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Entspannungsverfahren in Lübeck. Darunter werden verschiedene Formen der Konzentration und Besinnung verstanden. "In vielen Kulturen kommt dazu noch ein religiöses Element."

Diesen Aspekt hebt auch Lutz Hertel, Vorsitzender des Deutschen Wellness Verbandes in Düsseldorf, hervor: "'Meditation' lässt sich von dem lateinischen Wort meditatio ableiten und heißt unter anderem religiöse Versenkung", erklärt er. Meditation könne sich daher auf das Versenken in einen besonderen Bewusstseinszustand beschränken, aber auch dem Ziel dienen, eine spirituelle Dimension zu erleben.

Hierzulande nutzen viele das Meditieren, um Stress und den Fluss von Gedanken zu reduzieren. "Wir haben nie gelernt, mit unserem Geist und unseren Gedanken umzugehen", sagt die Meditationsbuchautorin Maren Schneider. "Meist zwingen uns unsere Gedanken zu Handlungen." Etwa: Bloß nicht die Überweisung vergessen! Morgen unbedingt bei dem neuen Kunden anrufen! "Man kann aber lernen, Autonomie über die Gedanken zu bekommen und so zu entscheiden, ob man den Gedanken folgen möchte oder nicht."

Dafür sei Meditation gut geeignet. "Es gibt verschiedene Meditationsarten", erklärt Schneider, Heilpraktikerin für Psychotherapie. Eine Variante sei, sich auf das Atmen zu konzentrieren. Dabei sitzt oder liegt man und versucht, seinen Atem zu spüren, zum Beispiel im Bauch. Dabei sollte zu spüren sein, wie der Bauch beim Einatmen dicker und beim Ausatmen flacher wird.

"Allerdings ist es gar nicht so einfach, mit der Aufmerksamkeit nur beim Atem zu bleiben, gerade am Anfang schweifen die Gedanken immer wieder ab." Das sei aber nicht schlimm, es brauche dann nur wieder etwas Konzentration aufs Atmen. "Das ist wie ein Sporttraining für den Geist, und man lernt mit der Zeit, sich weniger ablenken zu lassen", sagt Schneider. Das habe nicht nur bei den einzelnen Meditationsübungen einen Effekt. "Es fällt auch im Alltag leichter, nicht mit den Gedanken zu rotieren, sondern sie zu steuern und sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren."

Fantasiereisen sind eine weitere Meditationsalternative, wie Husmann erklärt. "Statt auf den Atem fokussiert man sich auf ein bestimmtes Bild vor dem inneren Auge", das für den Übenden zum Beispiel Gelassenheit oder innere Ruhe besonders treffend ausdrückt. Möglich sei auch, seinen Körper in den Mittelpunkt zu stellen. "Man kann sich vorstellen, das Gewicht seiner Glieder oder die Wärme in ihnen zu spüren, wie beim Autogenen Training." Auch Tai Chi oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen sind geeignete Methoden.

Wer Meditieren lernen möchte, kann sich in Büchern informieren oder einen Lehrer suchen. "Es gibt allerdings keine Dachorganisation für alle Meditationsformen, die einheitliche Qualitätskriterien anlegt", sagt Husmann. Deswegen sollten Interessierte sich vorab erkundigen, welche Qualifikationen ein Trainer hat und wie lange er schon praktiziert. "Man sollte aber auf alle Fälle vermeiden, sich über mehrere Jahre von einem Lehrer abhängig zu machen, das wäre nicht im Sinne von Meditation und unseriös." Auch die Kosten können stark variieren, wie der Experte erklärt. "Teilweise bieten Vereine ihre Kurse für einen Jahresbeitrag von 50 Euro an, während es bei anderen mehrere hundert Euro kostet." Grundsätzlich ist Meditation zwar für viele Menschen geeignet, aber nicht für alle: "Wer zum Beispiel schwere Schmerzzustände oder schwere Depressionen hat, wird sich kaum entspannen können", sagt Husmann. Kritisch sei es auch bei Menschen mit seelischen Störungen wie Psychosen. "Sie haben sowieso schon wenig innere Grenzen, da sollte man die Grenzen nicht noch weiter aufweichen." Diplom-Psychologe Hertel ergänzt: "Risiken bestehen für Menschen, die besonders ängstlich sind und zu grüblerischen Angstgedanken neigen. Bei ihnen können sich durch die Meditation die Angstgefühle noch verstärken." Meditation sei kein Ersatz für eine Psychotherapie.

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