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Südafrika: «Hier wohnt der Fußball»

Uhr | Aktualisiert 15.06.2010 22:18 Uhr
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Soweto

In Soweto, dem Township von Johannesburg, ist Fußball bei den Jugendlichen allgegenwärtig. Nur wenige bringen es aber so weit wie Nationalspieler Siphiwe Tshabalala. (FOTO: DDP )

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Im Herzen von Soweto spielen die Phiri Movers. Dort begann der Aufstieg von Siphiwe Tshabalala, der bei der WM das erste Tor schoss. Am Mittwoch läuft er wieder für Südafrika auf.
SOWETO/MZ. 

Die Nacht hat den Winter herbeigeweht. Der Tag ist aschgrau. In Phiri, einem kleinen Township im Herzen von Soweto, sieht es aus, als wäre die Sonne erst gar nicht aufgegangen. Aber das mag auch daran liegen, dass ein paar hundert Meter weiter eine Müllkippe brennt. Der Senaone Ground ist ein vanillegelber Stoppelrasen, auf dem sich zwei Fußballfelder drei Tore teilen müssen. Der arktische Südwind hat an diesem Ort besonders leichtes Spiel, ohne Mütze und Handschuhe hält man es keine fünf Minuten aus.

Es ist neun Uhr morgens und es ist wahrlich kein Fußballwetter - gleich beginnt das Training der Phiri Movers. "Wenn man etwas erreichen will, dann muss man auch etwas tun. Sonst erreicht man nichts", so die Logik von Kenneth Radebe, 19 Jahre, Torhüter. Radebe studiert Mathematik. Wenn alles klappt, will er irgendwann einmal Professor werden. "Man sollte aber nicht nur einen Traum haben", sagt er. Sein Ersatztraum hat natürlich mit diesem großen WM-Stadion zu tun, das man vom Senaone Ground bequem zu Fuß erreichen kann. In diesen Tagen ist dieser Ersatztraum wieder etwas näher an die Wirklichkeit heran gerückt.

Es ist noch nicht allzu lange her, da hat auf dem Senaone Ground in Phiri auch Radebes alter Vereinskamerad Siphiwe Tshabalala trainiert, gefroren und geträumt - der Mann, den seit ein paar Tagen jeder Fußballfan auf dem Globus kennt. Tshabalala, 26, hat das erste Tor dieser WM geschossen, ein Tor, das mindestens so schön war wie der Name seines Schützen. Die Südafrikaner wissen jetzt, dass sie bei ihrer Heim-WM eine Chance auf das Achtelfinale haben. Und die Spieler der Phiri Movers wissen, dass man es von ihrem windigen Bolzplatz hinüber tatsächlich nach Soccer City schaffen kann - und von dort in die ganze Welt hinaus.

Für Radebe spielt am Mittwoch ab 20.30 Uhr nicht nur Südafrika gegen Uruguay. Dank Siphiwe Tshabalala spielt auch Phiri gegen Uruguay. "Wenn man sagt, man kommt aus Soweto, wird man normalerweise bemitleidet", sagt Radebe. "Jetzt haben die Leute endlich gesehen, dass es hier nicht nur Elend und Korruption gibt. Sie haben gesehen, dass hier der Fußball wohnt."

Der Mann, der den Fußball nach Phiri gebracht hat, wohnt nur ein paar staubige Straßen weiter. Er heißt Patrick Moroanyane, ist 41 und geht auch bei diesem Wetter mit seinen braunen Hausschlappen auf die Straße. Moroanyane nennt sich selbst einen Fußball-Sozialarbeiter, weil man bei ihm nicht nur Flanken lernen kann, sondern zur Not auch etwas zu essen bekommt. Er hat den FC Phiri Movers im Jahr 1993 gegründet und zu jenem Klub ausgebaut, der heute zehn Jugend- und zwei Seniorenteams hat. Die Kinder aus der Nachbarschaft haben den Asphalt vor seinem Haus in gelber Farbe mit ihren Wunschaufstellungen von Bafana Bafana bemalt. "Schauen Sie sich um! Er ist immer in der Startelf." Moroanyane presst sein stolzes Grinsen durch eine große Zahnlücke. Er - damit ist natürlich Siphiwe Tshabalala gemeint, der WM-Torschütze mit dem Dreadlock-Zopf, war sein bester Schüler.

Im Einzimmerhaus von Moroanyane stehen ein Bett, zwei Plastikstühle, ein Fernseher zum Fußball schauen und noch ein Fernseher, auf dem der Coach sitzt, wenn er Besuch bekommt. Der Heizstrahler gibt alles, die Mama serviert heiße Schokolade. Moroanyane hat den Stapel mit den wichtigsten Bildern schon bereit gelegt. Es sind Mannschaftsfotos der Phiri Movers vom Batho-Batsho-Bakopane-Cup 2003, dem traditionellen Fußballturnier der 17 Townships von Soweto.

Auf den meisten Fotos kniet Tshabalala vorne links, er hat noch kurze Stoppelhaare, aber sein Blick verrät schon, dass er sich nicht mit Township-Turnieren zufrieden geben wird. "Er wollte berühmt werden. Koste es, was es wolle", erzählt Moroanyane. Man muss verschlungene Pfade gehen, um im südafrikanischen Fußball berühmt zu werden. Als Tshabalala 2001 zu Moroanyane kam, war er ein Linksverteidiger. Der Coach hat ihn nach und nach zum Außenstürmer umfunktioniert. Ansonsten, sagt er, habe er seiner Entwicklung eher zugeschaut, als sie zu beeinflussen. Er findet: "Um das Beste aus einem Menschen herauszuholen, muss man ihm Platz geben."

Tshabalala gab diese Freiheit 2004 auf, als er sich nach einem Freundschaftsspiel von den Nachwuchs-Scouts der Kaizer Chiefs abwerben ließ. "Wenn die sich dazu bequemen, gegen uns zu spielen, dann nehmen sie unsere besten Spieler mit", schimpft Moroanyane. Soweto hätte aus seiner Sicht schon eine ganze Armee von Tshabalalas produziert, wenn die großen Klubs bloß ein wenig mit Vereinen wie den Phiri Movers kooperieren würden. "Aber die wollen das schnelle Geld machen, deshalb investieren sie nicht in Talente, sondern holen sich fertige Spieler."

Die Kaizers Chiefs erachteten Tshabalala für nicht fertig genug. Er landete in der Zweiten Liga, erst bei Alexandra United, dann bei den Free State Stars. Erst als er sich 2008 - als erster Zweitligaspieler - ins Nationalteam hochgearbeitet hatte, griffen die Kaizers Chiefs wieder zu. Durch sein Tor im Eröffnungsspiel gegen Mexiko hat sich sein Marktwert wohl verzehnfacht.

Glaubt man Moroanyane, dann hat Siphiwe Tshabalala dieses Tor schon einmal geschossen - 2003 im Finale des Batho-Batsho-Bakopane-Cups, "das müsste gegen die Moletsane Red Devils gewesen sein". Damals waren ein paar hundert Zuschauer dabei, diesmal waren es ein paar Millionen.

Der erste Trainer von Südafrikas neuem Nationalhelden saß diesmal ganz alleine vor seinem Fernseher, als Tshabalala mit dem linken Fuß in den rechten Torwinkel traf. Er hat vor Freude geweint, weil für ihn plötzlich alles Sinn ergab, wofür er sich in den vergangen 17 Jahren aufgeopfert hatte. "Dieses Tor ist wie eine Waffe. Ich kann jetzt zu jedem Kind hier im Township hingehen und sagen: Sieh her, er hat es geschafft. Wieso sollst du das nicht auch schaffen?" In seiner stillen Eröffnungsspielfreude hat der Coach gar nicht gemerkt, dass sich vor seiner Haustür die Jungs aus dem Bezirk versammelt haben. Und als er dann nach dem Abpfiff auf die Straße trat, haben sie ihn auf Händen durch Phiri getragen.