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Literatur: DFB-Teammanager Bierhoff als Buchautor

Uhr | Aktualisiert 21.09.2012 13:08 Uhr
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Als Oliver Bierhoff sein berühmtes «Golden Goal» beim letzten Turniertriumph der Fußball-Nationalmannschaft erzielt hatte, konnte der gefeierte EM-Held auch danach in der Kabine noch einen Treffer landen.
München/dpa. 

«Man muss nicht schnell laufen, man kann auch richtig stehen», sagte er zum damaligen Teamkollegen Mehmet Scholl, der ihn lange vor dem 1996 gewonnenen Finale gegen Tschechien im Londoner Wembley-Stadion «Speedy» getauft hatte.

Der Spitzname war «eine Anspielung auf meine nicht allzu große Schnelligkeit», wie Bierhoff 16 Jahre später in einem Buch erzählt, das am 24. September erscheint. «Spielunterbrechung» heißt es - der Satz zum heutigen TV-Kritiker Scholl ist der Untertitel und steht dafür, dass die Wege zum Erfolg vielfältig sein können.

Auf 304 Seiten gibt es zahlreiche Anekdoten und Geschichten aus der Profizeit des heutigen Nationalmannschafts-Managers. «Wenn man es liest, erhält man wohl ein anderes Bild von Oliver Bierhoff», sagt der Autor im Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Der 44-jährige Bierhoff gewährt intime Einblicke in die Nationalmannschaft und deren Führungsteam um Bundestrainer Joachim Löw. Er stellt anhand seiner Erfahrungen den Mikrokosmos Fußball über Themen wie Führung, Teamgeist, Druck, Kommerz, Globalisierung, Bildung oder Integration als Spiegelbild der Gesellschaft dar.

«Die Parallelen zum normalen Leben und zum Wirtschaftsleben sind offensichtlich», meint Bierhoff. Er stellt Thesen auf - aber ohne «erhobenen Zeigefinger», wie er ausdrücklich betont. «Spielunterbrechung», ein Innehalten im Leben, sei wichtig, selbst wenn Rückschläge vorausgehen. «Gerade die schwierigen Momente waren für mich Treppenstufen» - nach oben. Auch seine Karriere sei «nicht so glatt» verlaufen, wie es im Nachhinein erscheint.

Auch die noch frischen EM-Erlebnisse fließen ein, dort bezieht Bierhoff deutlich Position. In der «emotionalen Diskussion» um das Mitsingen der Nationalhymne etwa, die nach dem Halbfinal-K.o. gegen Italien entflammte, fordert er «Toleranz» mit Spielern mit ausländischen Wurzeln wie Mesut Özil, die schweigen.

Scharf kritisiert er den Umgang mit Mario Gomez während des Turniers. «Wenn ein Mario Gomez während der Europameisterschaft unter der Gürtellinie kritisiert und fertiggemacht wird, fühlt er sich genauso ungerecht behandelt wie ein Angestellter, der von seinem Chef gemobbt wird oder jemand, der vor der Belegschaft bloßgestellt wird. Da helfen ihm kein Starkult und auch kein hoch dotierter Vertrag.»

Erstmals schildert der Manager ausführlich, wie «der schwärzeste Tag» in seinen acht Jahren beim Deutschen Fußball-Bund verlief. Es war der 10. November 2009, der Todestag von Nationaltorhüter Robert Enke. «Ein Riesenknall», so Bierhoff. Die Tragödie machte Depression zum öffentlichen Thema. «Es war ein einschneidendes Erlebnis.»

Es geschah während einer Länderspielreise in Bonn. Bundestrainer Löw stand stand neben ihm bei seinem Telefonat mit Enkes Frau, wie der Manager schreibt: «Da ich die erregte Teresa nicht unterbrechen wollte, schrieb ich ihm auf ein Blatt Papier: 'Robert hat Selbstmord begangen.' Jogi wurde schlagartig kreidebleich.» Als er die Nachricht später den Nationalspielern übermittelte, herrschte «Totenstille».

Ebenso wie beim heftigen Vertragsstreit mit der DFB-Führung vor der Weltmeisterschaft 2010 zieht Bierhoff aber Grenzen bei den Inneneinsichten. Interna müssten auch intern bleiben. «Wenn jemand etwas mit mir bespricht, soll er es nicht zwei Jahre später irgendwo lesen», begründet Bierhoff den Schutz des Vertrauensverhältnisses.

Den verpassten EM-Triumph im Sommer hat der Manager in einer persönlichen Spielunterbrechung aufgearbeitet. «Wir haben vieles richtig gemacht. Es hat etwas gefehlt - und diese wenigen Prozente können wir nur mit harter Arbeit herausholen», erklärt Bierhoff im dpa-Interview. Aufzugeben war für die Crew um Löw kein Gedanke, das Erfolgskapitel soll nun 2014 geschrieben werden: «Eine WM in Brasilien ist eine so interessante Aufgabe - da gab es in unserem Team nie die Diskussion nach dem Motto: Lasst uns das jetzt mal beenden.»

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