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Leon Andreasen: Der Pechvogel des Jahres

Uhr | Aktualisiert 23.12.2012 21:00 Uhr

Hannovers Leon Andreasen fasst sich an den Kopf. (FOTO: DAPD)

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Leon Andreasen, dem in seiner Anfangszeit als Fußballer das Attribut des dänischen Draufgängers anhaftete, hat Demut gelernt. Und noch eine andere Eigenschaft ist unerlässlich, wenn einer das erlebt wie der Profi von Hannover 96. Nämlich Geduld.
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Hannover/MZ. 

Seine Stimme ist fest. Und doch klingt sie manchmal ganz leise. Leon Andreasen, dem in seiner Anfangszeit als Fußballer das Attribut des dänischen Draufgängers anhaftete, hat Demut gelernt. Und noch eine andere Eigenschaft ist unerlässlich, wenn einer das erlebt wie der Profi von Hannover 96. Nämlich Geduld. "Mein früherer Bremer Trainer Thomas Schaaf hat einmal gesagt, ich sei etwas ungeduldig, das war vielleicht auch so", sagt der 29-Jährige. "Aber ich habe nun verinnerlicht, dass man warten muss."

Zuletzt ist er zwischen Hamburg, Kopenhagen und Hannover gependelt - in der niedersächsischen Hauptstadt verbringt er die Feiertage mit seiner Familie. Die Eltern kommen, "denn unser Sohn Luis ist erst 19 Monate alt, da ist es immer etwas schwierig zu verreisen".

Weihnachten und Silvester - es soll einfach "eine gute Zeit" werden, erzählt er. Man muss das verstehen. Denn: Leon Hougaard Andreasen hat eine ziemlich schlechte Phase hinter sich. Das einst größte Talent Dänemarks gibt einen Anwärter auf den Pechvogel des Jahres in Deutschlands Profi-Fußball.

Erst in diesem Sommer endete eine zweijährige Odyssee durch die Behandlungszimmer, eine quälende Phase der Ungewissheit ob seiner ständigen Schmerzen, als in Kopenhagen der Arzt Claus Hovgaard altes Narbengewebe entfernte. Danach eroberte der neue Andreasen zu Saisonstart die Liga im Sturm. Er hatte einen Stammplatz, machte zehn Pflichtspiele und schoss sechs Tore. "Ich hatte den besten Lauf meiner Karriere, ich war wieder mittendrin und fühlte mich richtig stark", erzählt er. Der Sympathieträger trat im ZDF-Sportstudio auf, ihm flog allerorten Anerkennung zu.

Und dann kam der 26. September. Flutlichtspiel in der heimischen Arena gegen den 1. FC Nürnberg. Wegen eines Coldplay-Konzertes hatte die Rasenfläche arg gelitten. Kurz vor dem Spiel war das Grün an einigen Stellen neu verlegt worden. Andreasen trat an "eine Kante zwischen alten und neuen Rasen", wie er sich erinnert - und riss sich das vordere Kreuzband. "Es hat sich so angefühlt, als wäre dort ein Loch. Mein Fuß war irgendwie fest - und dann ist es passiert."

Heute beteuert er: "Es war Pech." Und doch wollte er es erst nicht wahrhaben. "Am Anfang war es schon schwer, das zu akzeptieren. Ich musste erst einmal schlucken. Ich habe mir auch die Frage gestellt: ,Warum trifft es gerade mich?' Dass mir das passiert, ist für einen Fußballer das Schlimmste."

Von allen Seiten hat er danach Unterstützung und Zuspruch bekommen. Unzählige Briefe und E-Mails trafen ein. "Dafür bin ich den Fans unendlich dankbar. Es war anders, als ich fast zwei Jahre lang nicht genau wusste, wie es weitergehen würde. Da war ich ziemlich allein. Da hatten nicht mehr so viele an den Leon gedacht." Denn Andreasen, erst im Mai mit einem stark leistungsbezogenen Vertrag bis 2013 ausgestattet, hat in über dreieinhalb Jahren für Hannover nur 22 Bundesliga-Spiele gemacht.

Die Wochen vor Weihnachten hat er in Kopenhagen verbracht - in der Reha-Klinik. "Ich gebe wirklich gut Gas, aber ich muss auch aufpassen, wie mein Knie reagiert - manche Übungen findet es nicht so lustig." Er kann ohne Krücken gehen, aber an Laufen ist noch nicht zu denken. Fernziel ist es, an seinem 30. Geburtstag - dem 23. April - wieder auf dem Platz zu stehen. Die Nummer zwei bei 96 will sich für einen neuen Vertrag empfehlen.

Zurückschauen mag er nicht mehr: "Dinge, die man nicht ändern kann, stören mich nicht mehr." Auch das Wort Schicksal mag er in seinem Zusammenhang nicht in den Mund nehmen. Das hat mit den Erfahrungen zu tun, die er vor einigen Wochen im Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus Hamburg sammelte. "Da war ich mit Patienten zusammen, die es viel schlimmer getroffen hat: Querschnittsgelähmte oder Operierte mit einer Hirnschädigung, richtig heftige Sachen. Das nenne ich Schicksale."

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