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EM 2012: Rassismus und Boykotte werfen Schatten auf das Turnier

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Nicht alle russischen Fans blieben friedlich. (FOTO: DPA)

Die UEFA eröffnet ein Disziplinarverfahren gegen Russland. Dessen Fans äußerten sich im ersten Spiel rassistisch und schmissen mit Feuerwerkskörpern. Italiens Trainer Prandelli mahnt Gelassenheit an.
Berlin/dapd/sid. 

Michel Platini mochte alle Diskussionen über Politik und über die inhaftierte Julia Timoschenko weit beiseitegeschoben sehen. Viel lieber mochte der Präsident der UEFA „über Schiedsrichter, Spieler und Trainer reden“, hatte er zwei Tage vor Beginn der EM gesagt, und dass der europäische Verband sich „aus der Politik heraushalten“ werde. Am Samstag mahnte in Danzig dann Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli zu weniger Hysterie in der Rassismus-Debatte im Rahmen der EM. „Je mehr wir darüber sprechen, desto mehr reden die Leute drüber.“

Der Wunsch der Protagonisten war verständlich: Jetzt, da der Ball in Polen und der Ukraine endlich rollt, sollen auch jene im Vordergrund stehen, die gegen ihn treten - immerhin die besten Fußballer Europas. Und doch werfen nach den ersten EM-Tagen Politik und Timoschenko, Rassismusvorfälle und Boykotte unverändert einen Schatten auf die Spiele in Osteuropa.

Weil es nicht zu vermeiden ist, verschließt auch die UEFA nicht die Augen vor den Problemen. Am Samstag eröffnete sie wegen des Verhaltens russischer Fans beim EM-Spiel Russland gegen Tschechien (4:1) ein Disziplinarverfahren gegen den nationalen Verband. Am Mittwoch will sich der Kontroll- und Disziplinarausschuss mit den Vorfällen bei dem Spiel in Breslau beschäftigen. Mitarbeiter der von der UEFA mit der Beobachtung der Spiele beauftragten Organisation Football Against Racism in Europe (FARE) hatten von rassistischem Verhalten und rechtsextremen russischen Fahnen berichtet. Theodor Gebre Selassie, der aus Äthiopien stammt und der erste schwarze Nationalspieler Tschechiens ist, soll von russischen Fans beleidigt worden sein.

Am Sonntag äußerte sich Gebre Selassie erstmals zu dem Sachverhalt - erstaunlich zurückhaltend. „Ich habe das mitbekommen“, sagte der Abwehrspieler: „Es war nichts Extremes, ich habe schon viel Schlimmeres erlebt.“

Zwtl: Russischer Verband verurteilt Fanverhalten

Der russische Fußball-Verband RFU hat am Sonntag in einer Erklärung das Verhalten einiger seiner Fans beim 4:1-Auftaktsieg in Breslau gegen Tschechien scharf verurteilt. „Einige unserer Fans, die das Auftaktspiel der EURO 2012 besuchten, haben sich mit ihrem unehrenhaften Verhalten ins Abseits gestellt. Wir appellieren an all unsere Fans, die sich in Polen befinden: Bitte, denkt daran, dass ihr unser Land repräsentiert. Respektiert euch, euer Mutterland und eure Mannschaft“, heißt es in dem Schreiben.

Einige der russischen Anhänger hatten offenbar auch Flaggen mit der Aufschrift „Russisches Reich“ gehisst und damit die einheimischen Zuschauer und die tschechischen Fans provozieren wollen. „Wir sind der Überzeugung, dass solche Personen, die in Sportstätten solche politischen Positionen vertreten, nichts auf den Tribünen verloren haben“, hieß es vonseiten der RFU.

Die Europäische Fußball-Union (UEFA) hatte ein Disziplinarverfahren gegen den RFU wegen des Fehlverhaltens russischer Fans eingeleitet. Die Anhänger der Sbornaja hatten während des ersten EM-Spiels der Russen gegen Tschechien (4:1) am Freitag in Breslau Feuerwerkskörper gezündet und den dunkelhäutigen Spieler Theodor Gebre Selassie mit Affenlauten rassistisch beleidigt. Außerdem wurden in Breslau Stadion-Ordner von russischen Hooligans attackiert.

Zwei der betreffenden Anhänger wurden am Sonntag von einem Gericht in Breslau zu einer zweijährigen Sperre für alle Stadien in Polen verurteilt. Zudem mussten der 27-jährige Mann und die 41-jährige Frau jeweils Strafgelder in Höhe von 2000 Zloty (460 Euro) bezahlen. Das Disziplinarverfahren, teilte die UEFA mit, beziehe sich „auf das Abbrennen und Werfen von Feuerwerkskörpern“ sowie das Zeigen „unerlaubter Plakate“.

Der rassistische Vorfall, den die Organisation Football Against Racism in Europe (FARE) gemeldet hatte, werde untersucht. „Man hat Affenlaute einiger russischer Fans gegenüber Theodor Gebre Selassie gehört“, sagte Rafal Pankowski, der der polnischen Vereinigung Never Again angehört. Diese ist Teil von FARE.

Zwtl.: UEFA setzt „Null-Toleranz-Linie“ um

Immerhin dokumentiert der europäische Dachverband auf diese Weise, dass die vor Turnierbeginn proklamierte „Null-Toleranz-Linie“ mehr als eine bloße Ankündigung ist. Es gehört aber auch zu den Gesetzmäßigkeiten dieser EM, dass Zwischenfälle zum Skandal hochgejazzt werden, die in der Bundesliga als Alltag abgetan werden. Jede Schlägerei rivalisierender Fangruppen droht als „Ausschreitung“ dargestellt zu werden. Und wo jeder Fall von Rassismus wie unlängst beim öffentlichen Training der Niederlande einer zu viel ist, ist es aber doch längst nicht so, als wären zwischen Posen und Charkiw marodierende Horden unterwegs, die ohne Unterlass fremdenfeindliche Parolen skandierten. Das ist es wohl auch, warum Italiens Prandelli zu ein wenig mehr Sachlichkeit mahnt.

Die wahren Probleme der EM sind stattdessen hausgemacht. Die staatliche Willkür der Ukraine im Umgang mit der früheren Ministerpräsidentin Julia Timoschenko hat hochrangige Politiker nicht nur dazu veranlasst, den Besuch von Spielen im östlichen der beiden Gastgeberländer zu boykottieren. Sondern sie artikulieren und begründen ihr Fernbleiben auch ganz bewusst öffentlich.

Zwtl.: Voreilige Warnungen

Mitunter führt das aber auch zu Absagen wie der des Südafrikaners Danny Jordaan. 2010 war er Cheforganisator der WM in Südafrika, nun sagte er seine Reise zur EM ab, weil er von Fällen von Rassismus rund um das englische Team erfahren haben will. Ähnlich überstürzt hatte Englands dunkelhäutiger Nationalspieler Sol Campbell seine Landsleute vor Reisen in die Ukraine gewarnt: „Bleibt zu Hause, schaut euch das im Fernsehen an! Riskiert es erst gar nicht! Es könnte sein dass ihr im Sarg nach Hause kommt.“

Gestorben ist bis jetzt noch niemand. Stattdessen spielen die 16 besten Mannschaften Europas in einem Teil des Kontinents, in dem vor 60 Jahren die schlimmsten Gräuel der jüngeren Menschheitsgeschichte stattgefunden haben. Spieler und Fans begegnen sich alle als freie Menschen, und etwa Deutsche und Russen als Freunde und nicht wie ehemals als Feinde. Allein das ist schon ein Grund zur Freude.

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