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Prozess: Das Rätsel aus Zelle 5

Der angeklagte Polizist Andreas S. (li.)

Der angeklagte Polizist Andreas S. (l) steht am Mittwoch zum erneuten Prozessauftakt vor dem Landgericht Magdeburg neben seinem Anwalt Attila Teuchtler. (FOTO: DPA)

MAGDEBURG/MZ. -

Sie haben draußen ihreBanner auf den Fußboden gelegt. "Brecht dasSchweigen für Wahrheit und Gerechtigkeit"steht darauf in großen Lettern. Im Hintergrundlehnen drei schwarze Pappsärge an der Wanddes Magdeburger Landgerichts. Auf einem davonklebt das Foto von Oury Jalloh.

Seit sechs Jahren kämpft die Initiative inGedenken an den 23-jährigen Asylbewerber ausSierra Leone um die Aufklärung der Umstände,die zu seinem Tod in einer Dessauer Polizeizelleführten. Vehement gehen Menschenrechtler undMitglieder der afrikanischen Community seitdemimmer wieder in die Öffentlichkeit, währendStadt und Polizei drei Jahre brauchen, ehees zumindest auch ein offizielles Gedenkenan Jalloh gibt. Wie groß seine Hoffnung ist,dass in einem zweiten Prozess vor dem LandgerichtMagdeburg alles ans Tageslicht kommt? "Wennich ehrlich bin: gering", sagt Mouctar Bah.Oury Jalloh, der Mann, der am 7. Januar 2005in der Polizeizelle verbrannte, war sein Freund.

Kritik an Aussage von Beamten

Es ist gut zwei Jahre her, dass ein Richteram Dessauer Landgericht nach 60 Verhandlungstagenfrustriert konstatierte, keineswegs zu wissen,was an jenem 7. Januar 2005 wirklich in Zellefünf passierte. Es hagelte Kritik von ihman widersprüchlichen und falschen Aussagenvon Polizisten, die eine Aufklärung verhinderthätten - "all diese Beamten sind eigentlichwelche, die in diesem Land nichts zu suchenhaben." Deutliche Worte. Die Zeugen werdenjetzt am Magdeburger Gericht erneut gehört.Ob sie etwas anderes sagen? Die Polizei wehrtsich gegen den Vorwurf, im Korpsgeist zu vertuschen.

Oury Jalloh war am Morgen jenes 7. Januarin Dessau-Roßlau mit ins Polizeirevier genommenworden, nachdem sich vier Frauen der Stadtreinigungvon dem Betrunkenen belästigt fühlten. Stundenspäter - Jalloh lag inzwischen in der Gewahrsamszelle,Hände und Füße waren am Boden fixiert - ertönteein Brandalarm aus der Zelle. Die Anklagewirft dem damaligen Dienstgruppenleiter AndreasS. vor, ihn zweimal weggedrückt zu haben.Erst, als auch ein Lüftungsmelder ansprang,habe er sich auf den Weg in die Zelle begeben.Zu spät für Jalloh. Der 23-Jährige starb aneinem Hitzschock.

Doch am Ende heißt es im Dessauer Urteil,Andreas S. hätte auch nicht rechtzeitig inder Zelle sein können, wenn er sofort losgeranntwäre statt den Alarm zweimal wegzudrücken,ein Telefonat mit seinem Chef zu führen undunterwegs nochmal umzukehren, um die Schlüsselfür die Fußfessel zu holen. Es ist ein Urteil,das am 7. Januar 2010 - Jallohs fünftem Todestag- vom Bundesgerichtshof (BGH) aufgehoben wird.Mit dem Vermerk, es gebe Beweislücken, auchbei der angenommenen Zeitschiene.

Am ersten Prozesstag am Magdeburger Landgerichtschweigt der 50-jährige Angeklagte. Er hateine schriftliche Erklärung an das Gerichtverfasst, die er jedoch nicht verlesen will.Nach zwei schweren Krankheiten sei er psychischnicht in der Lage, alles zu verarbeiten, sagtsein Anwalt Attila Teuchtler. In der Erklärungbeschreibe S. den Tag, wie er ihn erinnere."Das ist sechs Jahre her, da sind nicht mehralle Erinnerungen klar." Dennoch komme erzum Schluss, dass er Jalloh nicht hätte rettenkönnen.

Für die Gedenkinitiative, internationale Prozessbeobachterund vor allem die Anwälte von Oury JallohsFamilie fangen die Fragen aber schon vielfrüher an, bei der Entstehung des Feuers."In Dessau ist anderthalb Jahre nur darübergesprochen worden, was nach dem Brandausbruchpassiert ist", kritisiert Marc Bellinghausenvon der Initiative. Anklage und Gericht gingendavon aus, dass Oury Jalloh selbst das Feuerauf einer schwer entflammbaren Matratze entfachthat, auf der er lag. Trotz Fixierung und 2,98Promille Alkohol im Blut? Anwältin GabrieleHeinecke will notfalls neue Gutachten, diesagen, ob dies wirklich möglich war.

Viele offene Fragen

Auch wenn ja, bleiben offene Fragen. ZumVerhalten von Beate H., einer Kollegin, dieAndreas S. zunächst schwer belastete, in denErmittlungen und im ersten Prozess aber immermehr davon abrückte. Wurde auf sie Druck ausgeübt?Was ist mit der ominösen Flüssigkeitslache,die mehrere Beamte an jenem Tag in der Zellebemerkten, aber nicht untersuchen ließen?Oder: "Gibt es ein lautloses Verbrennen?"Der Dessauer Opferberater Marko Steckel siehtdarin eine der Aufgaben, die der BGH den MagdeburgerRichtern mitgab. Hat Jalloh beim Versuch,die Matratze anzuzünden, vielleicht vor Schmerzengeschrien, lange bevor der Rauchmelder anging?Das hätte S. hören müssen, ihm wäre mehr Zeitzur Rettung geblieben.

Für die Nebenklage ist das Urteil des Bundesgerichtshofseine Bankrotterklärung für das Dessauer Gericht.Verteidiger Attila Teuchtler spricht dagegenvon einer "ordentlichen Beweisaufnahme", dieim schriftlichen Urteil nur nicht deutlichund ausführlich genug beschrieben gewesensei. Er ist sich eines erneuten Freispruchssicher.

21 Prozesstage sind jetzt geplant, vorerst.Am ersten gibt es wenig Erhellendes. Eineder Frauen, die damals von Jalloh belästigtwurden und die Polizei riefen, äußert sichwidersprüchlich, kann sich an vieles nichterinnern. Sechs Jahre sind eine lange Zeit.


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