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Premiere von Jelineks „Winterreise“: Wortgewaltiger Auftakt am Alten Theater Dessau

Fünf Schauspieler verkörpern - unschwer erkennbar - ein Ich.

Fünf Schauspieler verkörpern - unschwer erkennbar - ein Ich.

Foto:

Heysel

Dessau -

„Was zieht da mit, was zieht da mit mir mit, was zieht da an mir?“ Mit dem ersten Satz aus Elfriede Jelineks „Winterreise“ erwachen die Figuren in ihren Gitterbetten. Sie finden sich wieder in einem steril-weißen Raum ohne erkennbare Verbindung zur Außenwelt und ziehen den Zuschauer vom ersten Moment an hinein in eine überwältigende Flut von Fragen. Mit der Premiere der „Winterreise“ hat das Schauspiel des Anhaltischen Theaters am Freitag im Alten Theater Dessau die neue Saison begonnen. Es war ein wortgewaltiger Auftakt – und ein äußerst gelungener.

Verzicht auf Dialoge

Literaturnobelpreisträgerin Jelinek hat ihren Text als „Ein Theaterstück“ überschrieben und verzichtet doch auf Dialoge und Hinweise an den Regisseur. Vielmehr webt die Autorin in acht Szenen einen dichten Prosateppich und es gehört zu den Herausforderungen des meistgespielten zeitgenössischen Theaterstücks in Deutschland, diesen Teppich auf der Theaterbühne auszubreiten. Die Inszenierung von Regisseur Ralf Siebelt und Dramaturgin Almut Fischer hat den Text in fünf Stimmen übersetzt und aus dem vermeintlichen Monolog eine Mehrstimmigkeit ganz unterschiedlicher Tonalitäten entwickelt. Mal sind Christel Ortmann, Katja Sieder, Stephan Korves, Sebastian Müller-Stahl und Oliver Seidel im Chor vereint, mal vertonen sie mit ihrer Unterschiedlichkeit die innere Zerrissenheit des Ich. Sie sind zwar fünf, verkörpern aber doch nur ein Ich, leicht zu erkennen an der äußeren Uniformität in weißer Anstaltskleidung und der charakteristischen Jelinek-Frisur als optische Hommage an die Schöpferin.

Wortspiele, Doppeldeutigkeiten und Anspielungen

Das fünfstimmige Ich wendet sich mit all seinen Fragen und Beobachtungen ununterbrochen ans Publikum, was die Dessauer „Winterreise“ zu einem sprachlichen Kraftakt für die Darsteller macht. Zugleich fordern sie eineinhalb Stunden die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zuschauers, dem schon aufgrund des steten Wortstroms oft nur ein Eindruck des Gesagten bleibt. Sei es das Bedrückende, wenn mit Blick auf ein leeres Bett von der Entführung und Wiederkehr der Natascha Kampusch gesprochen wird, wie die Öffentlichkeit nach der ersten Faszination das Interesse verliert und die junge Frau schließlich abstößt. Sei es die Hilflosigkeit, wenn der Vater von Frau und Tochter ins Heim und damit aus seinem Leben weggeschickt wird. Sei es die Verzweiflung, mit der eine digitalisierte Welt nach der bedingungslosen Mutterliebe sucht. Das Stück lebt jedoch nicht zuletzt auch von einer feinen Ironie, von den Jelinek-typischen Wortspielen, Doppeldeutigkeiten und Anspielungen.

Die Dessauer „Winterreise“ versammelt eine Auswahl aus den acht Originalszenen und bietet noch immer reichlich Raum für Bezüge zur Gegenwart, die seit dem Erscheinen des Textes im Jahr 2011 nichts an Aktualität eingebüßt haben. Für die Auseinandersetzung des Ichs mit Entfremdung und Ausgeschlossenheit oder mit dem unbeirrten Fortschreiten der Zeit bildet der weiße Raum mit den Gitterbetten als Sinnbild einer geschlossenen Anstalt die perfekte Kulisse. Ohne Abgänge werden die Szenen strukturiert durch das Anklingen von Franz Schuberts „Winterreise“. Der Liederzyklus basiert auf Gedichten des Dessauer Dichters Wilhelm Müller und liegt Jelineks Text zugrunde. Dem folgen weitere literarische Zitate, bis am Ende die immer gleiche Leier des mahnenden Künstlers beschworen wird, angelehnt an das ohnmächtige Schicksal der Kassandra.

Verdienter Applaus

Zuletzt schweigen die Figuren und die Perücken fallen. Der verdiente Applaus setzt ein. Aber Antworten muss jeder für sich selbst finden. (mz)


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