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Mitteldeutsche Zeitung | Hochwasser in Dessau: Chaos nach Facebook-Aufruf
08. June 2013
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Hochwasser in Dessau: Chaos nach Facebook-Aufruf

Sicherungsmaßnahmen

Im Luisium laufen am 7. Juni Sicherungsmaßnahmen. Teile des Parks stehen schon unter Wasser.

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SEBASTIAN

Dessau/MZ -

Kurz vor 10 Uhr tauchte die Meldung das erste Mal online auf. An ungewöhnlicher Stelle: auf der Facebook des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle. „Ich hatte mit Harald Meller, dem Chef des Museums, telefoniert“, erinnerte sich Thomas Weiss. Der Direktor des Kulturstiftung Dessau/Wörlitz hatte seine prekäre Situation geschildert, Meller diesen Hilferuf veröffentlicht. Der Ringdeich in Waldersee droht zu brechen! Das Luisium braucht Hilfe! Es werden Helfer für eine Menschenkette benötigt! In Zeiten von Hochwasser, Facebook und Twitter reicht ein solcher Aufruf, dass sich ein paar hundert Dessau-Roßlauer aufmachen, um zu retten, was zu retten ist. 10.30 Uhr stehen die ersten vor dem Walderseer Luisium.

Kein Hilfeersuchen

Das Problem war: Im Katastrophenstab in der Argenteuiler Straße wusste man von nichts. „Wir hatten kein offizielles Hilfeersuchen vorliegen“, sagte Einsatzleiter Martin Müller. Und was war mit dem Ringdeich? „Wir hatten die Meldung bei Facebook gelesen und unsere Experten vor Ort geschickt, um zu prüfen, was dort los ist.“ Die gaben Entwarnung. „Es gab dort ein paar kleine Sickerstellen. Die hätten wir schnell in den Griff bekommen.“ Doch die Rettungsaktion hatte sich da längst verselbstständigt. „Als wir ankamen, standen Bagger und Helfer auf den Deichen, standen Lkw bereit“, war Müller fassungslos. „Das war Aktionismus pur.“ Und gefährlich für die Deiche, deren Betreten eigentlich verboten ist. „Wir haben die Deichscharte geöffnet, um eine Notsicherung an drei Sickerstellen des Ringdeiches vorzunehmen.“ Der Ringdeich ist dem Luisium vorgelagert und wurde nach der Jahrhundertflut nicht erneuert. Waldersees Deichverteidigung beginnt an den Spundwänden hinter dem Luisium.

Vor Ort ging es drunter und drüber, herrschte fast Chaos. „Es gab Walderseer, die haben gegen die Öffnung der Deichscharte protestiert“, bestätigte Müller. Was sei, wenn der Ringdeich breche? Drinnen waren, schätzt der Einsatzleiter des Katastrophenstabes, 300 bis 400 Helfer im Einsatz. „Vollkommen planlos. Ohne fachliche Anleitung.“ Als sich die Experten den wackligen Ringdeich angesehen haben, war klar, dass reagiert werden musste. „Es bestand die Gefahr, dass der Deich zusammenrutscht.“ Weil das tonnenschwere mobile Deichsystem auf ihm lastete und zusätzlich tausende Sandsäcke. Und weil das anliegende Wasser dem Deich schon ziemlich zugesetzt hatte. Der Katastrophenstab entschied sich für eine Zwangsräumung des Luisiums. „Zur Sicherheit der Bürger.“ Die verstanden das als Aufgabe des Luisiums. Es gab viele Proteste.

Müller war noch Stunden später bedient. „Wir haben noch immer keine offizielle Meldung der Kulturstiftung“, haderte der Mann über die Kulturstiftung - und berichtete über anhaltende Kommunikationsschwierigkeiten. Die hätten am Wochenende begonnen, als die Deichscharten geschlossen wurden. „Da war am Bereitschaftstelefon der Kulturstiftung niemand erreichbar.“ Für Müller ein Unding. „Die Prognosen waren doch da und deutlich. Es stand doch fest, dass Hochwasser kommt.“ Donnerstagabend hatte es erneut gehakt. Es hatte eine Anfrage gegeben, das Großkühnauer Schloss zu sichern. „Wir hatten alles vorbereitet“, erklärte Müller. Leute, Sandsäcke, Lkw. „Plötzlich hieß es, der Deich wird nicht gebraucht. Als alles wieder eingelagert war, sollten wir doch kommen. Da waren wir schon etwas gnatzig.“ Freitag, 10 Uhr, begann die Sicherung des Schlosses.

Thomas Weiss wollte das alles so nicht stehen lassen. „Jetzt wird versucht, einen Buhmann zu identifizieren. Ich habe das Gefühl, dass man denkt, wir haben die Deiche so gewollt, jetzt sollen wir auch sehen, wie wir damit klarkommen.“ Weiss ärgerte das. „Wie die Deiche hier gebaut wurden, dazu stehe ich, das war nicht allein meine Entscheidung.“ Das seien Kompromisse von Icomos-Welterbe-Schützern, vom Kultusministerium, von den Natur- und Denkmalschützern.

Die Kommunikation mit dem Katastrophenstab habe gehakt. „Wenn die Emotionen raus sind, müssen alle Beteiligten an einen Tisch.“ Seine Mitarbeiter hätten mehrfach versucht, Verantwortliche beim Kommandostab zu erreichen. „Das Ergebnis war unbefriedigend.“ Man habe die Deichscharten ohne Absprache geschlossen. „Wir kamen mit unserer Technik nicht mehr hinein.“ Müller wies das zurück. Es gebe Handlungen, die sich aus Pegelhöhen ableiten. „Die sind allen bekannt.“

Verteidigung und Kritik

Den Helfer-Aufruf über Facebook verteidigte Weiss. „Es gab offene Stellen in den Deichen. Wir mussten reagieren.“ Freitag früh hatte die Kulturstiftung schon das Gestüt neben dem Luisium aufgeben müssen. Ein Mobildeich war abgerutscht. Es war nicht mehr zu verteidigen. Müller hielt von dem Aufruf allerdings nicht viel. „Mit einer offiziellen Meldung hätten wir das Problem am Ringdeich in einer Stunde gelöst.“


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