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Gedenkdemo für Oury Jalloh in Dessau : "Feuerzeug ist ein Symbol der Lüge"

Gedenkdemonstration zum 11. Todestag von Oury Jalloh: Die Teilnehmer liefen am Donnerstag durch Dessau, begleitet von der Polizei.

Gedenkdemonstration zum 11. Todestag von Oury Jalloh: Die Teilnehmer liefen am Donnerstag durch Dessau, begleitet von der Polizei.

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Lutz Sebastian

dessau -

Aufzugeben ist auch im Jahr elf keine Option. Seit dem Feuertod von Oury Jalloh 2005 in einer Dessauer Polizeizelle demonstriert die nach ihm benannte Initiative an dessen Todestag in Dessau. So auch gestern: Anfänglich rund 200 Demonstranten, später dann etwas weniger, zogen fast vier Stunden vom Bahnhof aus durch die Innenstadt.

An dem Vorwurf, dass Jalloh ermordet wurde, hat sich in den Jahren und allen Prozessen zum Trotz nichts geändert. „Oury Jalloh, das war Mord“, bleibt die bestimmende Parole der Jalloh-Initiative. Wohl aber haben sich im Laufe der Jahre die Akzente verschoben: Der Fall ist in den Augen der Demonstranten mehr und mehr zu einem Symbol rechtsstaatlichen Versagens geworden. „Bei euch, liebe Staatsanwaltschaft“, sprach einer der Teilnehmer vor derselben, „hat niemand einen Plan, was in Zelle 5 geschah.“ Er wisse schon, so der Redner, dass Verschwörungstheorien modern seien, aber diesem Fall müsse man wohl von einer rassistisch motivierten Verschwörung ausgehen: Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte, so der Vorwurf, hätten alles unternommen, die Wahrheit zu unterdrücken.

Dass sich die Gerichte nochmals des Falles annehmen, damit rechnet wohl selbst unter den Jalloh-Aktivisten kaum jemand. „Und wenn sie schon niemanden verurteilen, dann sollen sie es wenigstens zugeben und sich entschuldigen“, rief einer den Zuhörern zu.

Ihre Mord-Hypothese sieht die Initiative seit dem Herbst erneut bestätigt. Sie hatte drei Gutachten in Auftrag gegeben, unter anderem bei einem britischen Brandursachenermittler. Der hatte alle verfügbaren Akten und Protokolle durchforstet. Hinsichtlich des Brandbeschleunigers wollte er sich zwar nicht festlegen, doch war für ihn das drei Tage nach der Tat von der Polizei präsentierte Feuerzeug höchst verdächtig: Es sollte aus Jallohs Zelle stammen. Doch weder konnte geklärt werden, wie es da hinein gelangen sein soll, noch aus welchem Asservat es genau stammt. Ebenso eigentümlich aus Expertensicht: Weder fanden sich Spuren von Jalloh oder dessen Kleidung an dem Feuerzeug, noch Reste des geschmolzenen Feuerzeugs an der Leiche.

So ist das Feuerzeug für die Jalloh-Initiative zu einem Symbol der Lüge geworden, weshalb die Demonstranten reichlich Feuerzeuge vor die Türen der Staatsanwaltschaft und später des Polizeireviers in der Wolfgangstraße warfen. Einer soll dabei direkt auf Polizisten gezielt haben – die dann später wegen versuchter Körperverletzung seine Personalien aufnahmen.

Die sehr zurückhaltend agierende Polizei sprach nach der Demo von einem „absolut friedlichen Verlauf“. Dennoch gibt es drei Ermittlungsverfahren: zwei wegen Verstößen gegen das Waffengesetz und das Versammlungsgesetz (wegen des Mitführens verbotener Gegenstände) sowie eines wegen des Verdachts der Volksverhetzung (wegen einer abgespielten Musik-Passage). Zudem gab es vier Platzverweise und 15 Identitätsfeststellungen.

Zum ersten Mal überhaupt setzte die Polizei in Dessau Twitter ein und schilderte darüber vollkommen sachlich den Verlauf der Demo. Ebenfalls ein Novum waren viele französische Beiträge, eine der Sprachen, die viele der als Immigranten nach Deutschland gekommenen Protestierer beherrschen. Auch in diesen Reden ging es um Feindlichkeit gegen Fremde und Andersgläubige, um Rüstungsexporte und Europas Abschottungsversuche.

Auch an der Friedensglocke gegenüber dem Rathaus machte der Zug wie in jedem Jahr Halt. Dort hieß es, nach einem politischen Rap zum Aufwärmen: „Hallo Dessau, aufwachen, nächstes Jahr wollen wir, dass die Glocke für Oury Jalloh läutet.“ Dass sie 2017 wiederkommen werden und überhaupt immer wieder, daran ließen die Jalloh-Aktivisten auch vor dem Polizei-Revier, der letzten Station der Demo, keinen Zweifel. Zwei Dutzend von ihnen standen auf den Stufen zu dem Ort, wo Jalloh verbrannte, und reckten die Fäuste zu den Klängen von Südafrikas Nationalhymne „Nkosi Sikelel’ iAfrica“, „Herr, segne Afrika“. Das Lied ist auch ein Zeichen des Widerstands gegen die Apartheid. (mz)


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