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Dessau-Roßlau: Zu Weihnachten im Gefängnis

Uhr | Aktualisiert 23.12.2012 21:24 Uhr
Vollzugsbeamter Jürgen Gewinner «schiebt Dienst» an Heiligabend. Die 2,50 Meter hohe Weihnachtspyramide haben die Häftlinge gefertigt. (FOTO: SEBASTIAN) 
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Nicht alle können am Heiligabend zu Hause bei der Familie sein. Einige müssen trotz Fest arbeiten. So auch Jürgen Gewinner, der am 24. Dezember in der Justizvollzugsanstalt Dessau Dienst hat. 200 Häftlinge sitzen dort zu Weihnachten hinter Gittern.
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dessau/MZ. 

Der Morgen vom Heiligabend, auch er folgt in den Familien fest verankerten Traditionen. Da gehören die letzten Besorgungen zum Fest, wie das Einfangenlassen des frischen Weihnachtskarpfens genauso dazu wie das ausgeklügelte, fast schon ritualisierte Aufputzen des Weihnachtsbaumes. Im Geheimen ist noch ein letztes Schleifchen ums Geschenk zu knüpfen, ehe dann mit Einbrechen der frühen Dämmerung die Zeit zur Bescherung naht.

Solche unverrückbaren "Weihnachts-Koordinaten" sind im Arbeitsleben von Jürgen Gewinner nicht die Regel. Der 54-jährige Mann aus Köthen leistet seit 30 Jahren Schichtdienst. Zuerst im Polizeirevier, seit 2004 dann in der Justizvollzugsanstalt Dessau. Im Justizvollzug bekleidet Jürgen Gewinner das Amt eines Hauptsekretärs und arbeitet im allgemeinen Vollzugsdienst (AVD) bei den Gefangenen.

"Es ist für die Kollegen ein 3-Schicht-System rund um die Uhr", beschreibt Anstaltsleiter Wolf-Rüdiger Richter die Abläufe: Die 24 Stunden des Tages teilen sich von Montag bis Freitag in Früh-, Spät- und Nachtschicht von 6 bis 13 Uhr, 13 bis 20 und bis 6 Uhr. Samstag, Sonntag und an den Feiertagen werden Tag- und Nachtschichten jeweils von 6 bis 18 Uhr und 18 bis 6 Uhr geplant. "Die Gefangenen bleiben keine Minute unbewacht", so Richter.

Flexible Dienstplanung

Montagabend ab 18 Uhr übernimmt Gewinner die Schlüsselgewalt für den "Einschluss". Das war lange vorab geplant und abgestimmt. "Ich hatte ja im letzten Jahr Weihnachten frei und war nun wieder mal dran. Die Dienstplanung lässt sich schon flexibel gestalten", hat der Köthener auch seine Familie langfristig darauf einstellen können. Kirchgang, Krippenspiel und dann Bescherung - das ist auch bei Gewinners die Tradition zum Heiligabend. Wenn es der Dienstplan möglich macht. Zuerst mit der Tochter, jetzt mit den drei Enkelinnen im Alter von acht, sechs und fünf Jahren. Wenn es Montagabend im Gefängnis ruhig, dunkel und besinnlich wird, "dann werden auch aus Gefangenen wieder Kinder", hat Jürgen Gewinner erlebt. Dann gehen nicht die Füße, doch die Gedanken irgendwie immer nach Hause.

"Weihnachten, das ist auch dem scheinbar 'härtesten Hund' nicht egal", weiß Gefängnisleiter Richter. Schon die ganze Vorweihnachtszeit sei selbst hinter dicken Mauern und Gittern merklich anders: Da stehen auf jedem Flur Weihnachtsbäume, da bekommt der Mithäftling in der Zelle vielleicht ein Weihnachtspaket zugestellt, da werden in den Aushängen die Gottesdienste und Besuche des Gefängnisseelsorgers angekündigt, nicht zu vergessen das Fernsehen - die Gefangenen merken sehr wohl, das Weihnachten ins Haus steht.

Aber nicht für sie? Ein kleines Weihnachtspräsent in einem Beutel mit Süßigkeit und Apfelsine überreichen die Vollzugsbeamten ihren Schützlingen zum Heiligabend. Dazu kommen die Festtagsmahlzeiten: Zu Heiligabend der klassische Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen, am 1. Feiertag Entenkeule mit Grünkohl und Klößen, am 2. Feiertag wird Letschosteak mit Kartoffeln und Obst gereicht.

Wenn fünf Tage lang werden

Was das Weihnachtsfest 2012 auch ausmacht, sind einschließlich des vorangegangenen Wochenendes die fünf zusammenhängenden freien Tage. Da wird nicht gearbeitet, da gelten ganz normale Besuchszeiten. Da sehen die Häftlinge nur ihren Zellengefährten, da droht den rund 200 Insassen Langeweile. Manch einer wird streitsüchtig, der andere geht in sich und wird still.

Bei seinen Kontrollgängen hat auch Jürgen Gewinner da schon manchmal ein Schluchzen unter der Bettdecke vernommen. Nach dem Jahreswechsel aber kehre der Alttag recht schnell wieder ein und komme man zur "Tagesordnung" zurück. Gewinner selbst hat Silvester frei. Und geht am Neujahrsabden wieder in die Nachtschicht.

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