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Dessau-Roßlau: Theater-Lesung von Wagners Siegfried

Uhr | Aktualisiert 16.01.2013 22:05 Uhr
Wagner lesen? Bitte, gern! Generalintendant André Bücker (l.) und Schauspieler Gerald Fiedler haben es getan und «Siegfried» vorgestellt. Am Klavier begleitet wurden sie dabei von Wolfgang Kluge. (FOTO: LUTZ SEBASTIAN) 
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Stabreime und perlend polterndes Pathos: "Ich sehe der Brünne prangenden Stahl, ein scharfes Schwert schnitt sie entzwei", wimmert in Wehmut die keusche Kampfjungfer, die mit der drängenden Defloration der Ewigkeit entsagte.
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Und Siegfried seufzte, bevor er den Panzer, die Kruste ihr knackte: "Von schwellendem Atem schwingt sich die Brust: Brech ich die engende Brünne?" Er brach sie und siehe, die Brünne, der Panzer barg Gerald Fiedler.

"Der Ring, komplett gelesen" klingt ein wenig nach drohender Minne und stabgereimter Fehde, erweist sich aber als ebenso aufschlussreich wie amüsant. Auf das Libretto der "Götterdämmerung" im Vorjahr folgte nun, auch wenn "Der Ring des Nibelungen" in Dessau von hinten aufgerollt wird, der zweite Abend des Bühnenfestspieles: "Siegfried, komplett gelesen" von André Bücker und Gerald Fiedler im Foyer des Alten Theaters, als rasantes Vorspiel zur Premiere der Oper am 30. März.

Wortwörtlich intensiv

Wagner konzertant ist bekannt, Wagner wortwörtlich ist intensiv. Das hat den Charme einer Stummfilm-Vorführung, ohne Film, mit vielen Wörtern und dennoch vielen Noten. Kapellmeister Wolfgang Kluge sitzt drei schnelle lange Akte am Klavier, hoch konzentriert von Leitmotiv zu Leitmotiv durch die Oper springend, weil die Rede viel fixer läuft als Gesang. Sparsam und enorm wirksam deshalb liefert er zudem wenige Laute nach Regieanweisungen, gähnt und lacht den wilden Wurm Fafner "mit des furchtbaren Leibes Wucht", beinah, oder dient als Hinweis und Blickrichtung: "Dort seh ich Grane, mein selig Ross". Manch echtes Schmunzeln begleitet so die hohe Dressur, den Ritt durch lohende Dramatik und lichte Idylle.

"Hoiho! Hoiho! Hau ein! Hau ein! Friss ihn! Friss ihn! Den Fratzenschmied." Siegfried hat ihn, den Zwerg, längst gefressen. Das ist unbestechlich naturburschikos, wie Generalintendant Bücker den Siegfried liest. "Hoiho! Hoiho!": Kein Ulk, schön verhaltener jugendlicher Heldentrotz, Sturm und Drang aus dem Mundwinkel und wie er Wotan ansetzt, den am eigenen Ratschluss leidenden göttlichen Wanderer! Die Paarungen wechseln, Traumpaare in Serie, gut dosierte, wohl temperierte Gesten. So trifft die widrige Verschlagenheit des Zwerges auf den instinktiven Ekel des Naturburschen. Und wenn Fafner sich zur Quelle hievt, wackeln die Fransen der Stehlampe.

Gerald Fiedler mimt Mime den Zwerg, den falschen Vater nicht nur, sondern auch den Waldvogel, ein Vögelein, ein flatterndes, zudem den Wurm sowie Erda und, wenn der Wanderer auf Siegfried trifft, auch den jugendlichen Helden. Er wechselt Stimme und Mimik, maßvoll karikierend, komisch und charakteristisch, gut ausbalanciert. Und die Regieanweisungen pointieren das Geschehen so schön: "Beide bleiben voll strahlenden Entzückens in ihren gegenseitigen Anblick verloren." Beide! Also: Bücker und Fiedler und sie versuchen es auch.

Jetzt gibt Fiedler die Walküre, welche eigentlich gemäß der Bedeutung des Namens die auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen kürt für Walhall, aber nun zauberschlafend inmitten der Waberlohe liegt. Bücker nimmt den Feuerwall und Fiedler macht aus Brünnhilde einen hoch keuschen Kampfpanzer, wie ihr Name schon sagt.

Musik! Bitte!

Idyllisch und dramatisch zeigt sich die köstliche Lesung, die maßvoll mit dem Ulk umgeht und alle Wörter in ihrem Ansinnen gewichtig weiß. Nun dürfte das Libretto wortwörtlich bekannt sein. Nur wer war Siegfried wirklich? Ein Pseudonymus zerlegte leicht zugespitzt 1912 in der Theaterzeitschrift "Die Schaubühne" den inzestuösen Stammbaum des furchtlosen Helden: "Siegfried ist der Sohn seines Onkels und der Neffe seiner Mutter. Er ist sein eigener Vetter als Neffe und Sohn seiner Tante. Er ist der Neffe seiner Frau, folglich sein angeheirateter Onkel und sein angeheirateter Neffe. Er ist Neffe und Onkel in einer Person. Er ist der Schwiegersohn seines Großvaters Wotan, der Schwager seiner Tante, die zugleich seine Mutter ist." Musik! Bitte!

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