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Anhaltisches Theater Dessau: Heimspiel für den Gast

Musikalisch und optisch führte die Reise mit Dirigent Anthony Bramall nach England.

Musikalisch und optisch führte die Reise mit Dirigent Anthony Bramall nach England.

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Lutz Sebastian

Was für ein Heimspiel für Anthony Bramall: Im Bühnenhintergrund leuchteten die Ränge der Londoner Royal Albert Hall, es wehte der Union Jack. Die Anhaltische Philharmonie hatte gerade Edward Elgars Marsch „Pomp and Circumstances“, die heimliche britische Hymne, mit Andacht und Donner zelebriert. Und das Publikum erhob sich von den Sitzen. So stellt sich jeder Dirigent ein Gastspiel gerne vor - umso mehr wohl der Brite Bramall, der sich mit dem traditionellen Neujahrskonzert in Dessau für das Amt des Generalmusikdirektors am Anhaltischen Theater zu empfehlen hatte.

Der richtige Mann

Entscheiden müssen darüber Theaterleitung und Orchester, und es gibt ja auch gewichtige Konkurrenz. Sicher ist jedoch, und das stand am Freitag bereits nach wenigen Stücken fest, dass Bramall für diesen Abend und dieses Programm der richtige Mann war. Er wahrte stets Stil und Nonchalance, machte sich also nicht zum musikalischen Affen, dirigierte jedoch mit jener Art von Lockerheit, die ein Neujahrskonzert einfach braucht. Die Wiener Philharmoniker und Mariss Jansons hatten es ein paar Stunden früher vorgemacht.

Bramall, Jahrgang 1957, hat schon viele musikalische Stationen absolviert und ist derzeit stellvertretender Generalmusikdirektor der Leipziger Oper. In Dessau schlug er mal ganz präzise, dann mit großer Geste, feuerte an oder ließ den Taktstock auch ganz sinken, um dem Orchester zu lauschen. Ein gut gelaunter moderierender Ronald Müller spielte ihm einen Ball nach dem anderen zu. Und bei John Kanders Welthit „New York, New York“ durfte der studierte Sänger die ersten Takte selbst anstimmen – bis Tenor David Ameln galant übernahm.

Wohin die Reise in 80 Takten führte, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Gefälliges Vielerlei

Die Kunst bei solch einem Konzert, das ein gefälliges Vielerlei von romantischen bis modernen Werken zu bieten hat, besteht ja darin, die ausgewählten Stücke in sinnvoller Reihenfolge auf einen roten Faden zu ziehen. Dafür hatten sich die Verantwortlichen am Theater eine „Reise in 80 Takten um die Welt“ ausgedacht, die mehr oder weniger zu den Orten der berühmten Reise führte, welche Jules Verne für seinen Helden Phileas Fogg ersonnen hatte.

Und weil ein Theater nicht nur aus einem Orchester besteht, waren daran auch drei Gesangssolisten sowie fünf Damen und Herren des Balletts beteiligt. Dass damit schon beinahe das ganze Tanzensemble des Dessauer Hauses vereint war, ließ an diesem ausgelassenen Frühabend ein einziges Mal Bitterkeit aufkommen: Die Sparmaßnahmen der jüngeren Vergangenheit haben gerade hier tiefe Spuren hinterlassen. Doch die Tänzer sind Profis: Bei ihren Auftritten zu Stücken aus Peter Iljitsch Tschaikowskys „Nußknacker“ und dem Brasilien-Klassiker „Tico Tico“, zu denen Ballettchef Tomasz Kajdanski extra eine Choreografie geschrieben hatte, war von Frust nichts zu merken.

Die Anhaltische Philharmonie hatte ihrerseits die schwere Aufgabe, leichte Musik auch leicht klingen zu lassen. Denn wie schnell wirkt ein Walzer behäbig, eine Operette klebrig, ein Marsch einfach nur laut. Die Philharmoniker hingegen machten jedenfalls das Allermeiste richtig (Ausnahme: ein paar Unstimmigkeiten im berühmten „Säbeltanz“), besannen sich auf ihre Pianokultur (etwa im „Nussknacker“) und spielten prächtige Farben aus (im Ägyptischen Marsch von Johann Strauß oder der herrlichen Ouvertüre aus Léhars „Land des Lächelns“). Besonderes Lob dem Schlagwerk und dem schweren Blech.

Das einzige wirklich ernste Stück war vielleicht das schönste und machte deutlich, dass Anthony Bramall mehr als große Erfahrung mit dem großen Opernrepertoire hat: Angelina Ruzzafante sang hinreißend traurig die Arie „Un bel di vedremo“ aus Puccinis „Madama Butterfly“. Cornelia Marschall brachte ihre dramatischen und komödiantischen Fähigkeiten unter anderem als „Lustige Witwe“ nach Léhar und gemeinsam mit David Ameln in Frederic Loewes „My fair Lady“ zum Tragen.

So viel Husten war nie

Was bleibt von dieser musikalischen Reise sonst in Erinnerung? Königsmärsche können in England eben mal umgewidmet werden. Auch das Mitklatschen will beim Radetzkymarsch gelernt sein. Und: Ein Teil des Publikums schien sich beim Wechsel der Klimazonen verkühlt zu haben – so viel Husten war nie. (mz)

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