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Wirtschaftsethik: Wenn Hilfe schadet

Uhr | Aktualisiert 06.12.2012 19:16 Uhr
Stefan Hielscher forscht am Lehrstuhl für Wirtschaftsethik der Uni Halle. (FOTO: THOMAS MEINICKE) 
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Stefan Hielscher fordert ein Umdenken in der staatlichen Entwicklungspolitik. Das hat ihm bereits vier Auszeichnungen eingebracht.
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Halle (Saale)/MZ. 

Zwei Dinge sind Stefan Hielscher wichtig, wenn er darüber spricht, dass er für seine Promotionsschrift nun schon mit dem vierten Preis ausgezeichnet wurde. Dass solche Ehrungen immer auch ein Glücksfall sind. Und, dass er dem wissenschaftlichen Umfeld, in dem er am Lehrstuhl für Wirtschaftsethik der Universität Halle arbeitet, sehr viel verdankt. "Es braucht einen konstruktiven Kritikprozess, um gute Ideen zu entwickeln", sagt der 35-Jährige.

"Kooperation statt Hilfe: ein ordonomischer Beitrag zur Theorie der Entwicklungspolitik" heißt die Arbeit, für die Hielscher nun den Wissenschaftspreis der Plansecur-Stiftung erhalten hat. Die Auszeichnung wird für Arbeiten aus dem Themenbereich Wirtschaftsethik verliehen und ist mit 7 500 Euro dotiert. Im vergangenen Jahr wurde Hielscher bereits mit dem Kantorovic-Preis und dem Dorothea-Erxleben-Preis der Uni Halle sowie dem "Best Paper Award" des Wirtschaftswissenschaftlichen Bereichs geehrt.

Die hohe Aufmerksamkeit für Hielschers Arbeit ist wohl auch dem Thema staatliche Entwicklungspolitik an sich geschuldet und dem radikalen Umdenken, das er in Bezug auf diese fordert. Die bisherige Hilfe, so Hielscher, helfe nicht, sie könne sogar schaden. Ein Grund dafür sei, dass der Helfer - "Samariter" wie Hielscher ihn nennt - hilft, einen Nutzen davon hat, weil er im Sinne seiner moralischen Überzeugung gehandelt hat, aber auch darauf bedacht ist, das Opfer nicht zu groß werden zu lassen. "Finanzielle Hilfe ist dann etwa an die Bedingung geknüpft, Exportgüter des helfenden Staates zu kaufen", sagt Hielscher. Ein Bemühen der Samariter, Hilfebedürftige für eine wechselseitige vorteilhafte Zusammenarbeit zu aktivieren, stehe dagegen leider nicht im Vordergrund.

Wie Entwicklungspolitik als eine solche Kooperation funktionieren kann, erklärt Hielscher am Beispiel eines Herstellers von Vitaminpräparaten, der Mehl mit Vitamin A anreichert. Das Ziel, Vitamin-A-Mangel in afrikanischen Ländern zu reduzieren und damit Blindheit vorzubeugen, werde in diesem Falle nicht erreicht, indem Helfer vor Ort Vitamintabletten verteilen, erklärt Hielscher. Sondern das Unternehmen entwickelt ein Produkt, das dem Vitamin-A-Mangel abhelfen soll und lässt es vor Ort produzieren und verkaufen.

Langfristig solle dies Gewinne einbringen und einen Standortvorteil auf dem Markt der jeweiligen Länder sichern. "Die moralische Qualität des Samariter-Handelns in der Entwicklungshilfe wird intuitiv höher bewertet als dieses unternehmerische Handeln", sagt Hielscher, der hier ein Umdenken fordert. In Fällen wie der Vitamin-A-Anreicherung sollte man aber darüber nachdenken, auch dem Handeln des Unternehmens moralische Qualität zuzuweisen, fordert der Wissenschaftler. Im vorliegenden Fall werde mit der Kooperation sogar eine höhere Zahl Bedürftiger erreicht und das zu geringeren Kosten, als wenn Helfer Vitaminpräparate verteilen würden.

Eine Kooperation liegt hier nach Hielscher nicht nur zwischen Unternehmen und Regierung eines Entwicklungslandes vor. Es sind auch heimische Mehlproduzenten involviert, ebenso wie Entwicklungsorganisationen, die die Lage in den Ländern kennen. "Die Kooperation von Unternehmen, heimischen Produzenten, Regierung und NGOs braucht gegenseitiges Vertrauen. Entwicklungspolitik kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten, indem sie hilft, solche verlässlichen Bindungen aufzubauen und zu erhalten", sagt Hielscher. Entwicklungspolitik, die auf Kooperation ziele, solle primär auf diese Aufgabe setzen, nicht auf Geldtransfers.

Hielscher, der in Leipzig, Stuttgart, Quito und Bologna studiert hat, bleibt dem Thema Wirtschafts- und Unternehmensethik weiter verbunden. Im Fokus steht dabei die Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung (CSR). Die Themen Wirtschaftsethik und Unternehmensethik werden zunehmend nachgefragt, berichtet Hielscher. "In den vergangenen Jahren sind Fächer, die sich mit Grundlagenfragen der Sozialen Marktwirtschaft auseinandersetzen, in der Ausbildung von Ökonomen in den Hintergrund getreten. An diese Stelle treten jetzt Fragen der Wirtschafts- und Unternehmensethik", sagt Hielscher. Gefragt wird dabei unter anderem: warum ist Marktwirtschaft gut, welche gesellschaftliche Rolle haben Manager und warum ist es gut, dass ein Unternehmen Gewinne macht? Es sei wichtig, dass Auszeichnungen wie der Wissenschaftspreis der Plansecur-Stiftung verliehen werden, so Hielscher. Denn so werde die Akzeptanz für diese Fragen gesteigert.

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