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Semesterbeginn: Überleben an der Massenuni

Uhr | Aktualisiert 28.09.2009 22:32 Uhr
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Massenuni

Ein Gutes haben überfüllte Hörsäle immerhin: Man kommt schnell mit anderen Kommilitonen ins Gespräch. (Bild: dpa/tmn) (FOTO: DPA)

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41 776, 41 765, 36 112 - das sind nicht die Einwohnerzahlen einiger deutscher Kleinstädte. So viele Studenten gibt es nach Angaben des Statistischen Bundesamts an den drei größten Unis in Deutschland: München, Köln, Hamburg.
Köln/Hamburg/dpa. 

Wer dort studieren möchte, darf den Durchblick nicht verlieren. Für Erstsemester ist das kein leichtes Unterfangen. Einen Tag an der Universität in Köln, und schon weiß man, was es heißt, einer von vielen zu sein: In der anonymen Masse lässt sich nicht erkennen, wer wirklich hier studiert und wer nur so tut. Nirgendwo scheint es so einfach wie an einer Massenuni, mit dem Strom zu schwimmen. Aber ist das der Sinn eines Studiums? Nein, sagt Walburga Wolters, Leiterin der Studienberatung der Universität in Köln. Studieren heiße auch, selbst aktiv zu werden.

«Selbst wenn die Betreuung an einer riesigen Hochschule nicht immer optimal ist: Es gibt genügend Ansprechpartner. Man muss nur wissen, wo sie zu finden sind», erläutert Wolters. Wer unter Orientierungslosigkeit leidet, ist daher oft zu passiv. Die Studienberatung kann solchen Studenten nur Hilfe zur Selbsthilfe anbieten. «Wir zeigen, wo es Informationen gibt und wie das System Uni aufgebaut ist.» Studienanfänger bekommen so eine Reihe von Türen gezeigt - hindurchgehen müssen sie schon selber.

Auch Bernd Nixdorff rät Studenten an großen Unis zu einer aktiven Einstellung. Gerade was die Dozenten angeht, seien Studenten oft zu zögerlich, meint der psychologische Berater der Universität Hamburg. «Professoren sind einfach ein wichtiger Baustein für das Studium. Da muss man die Betreuung auch mal selbst einfordern. Frechheit siegt!»

Das Mittagessen mit Kommilitonen sieht der Berater als Investition ins Studium. «Durch ein großes Netzwerk bekommt der Student viele wichtige Informationen. Außerdem verliert er das Gefühl, unter 40 000 Studenten zu vereinsamen.» Im schlimmsten Fall könne sich dieses Gefühl auch zu psychologischen Problemen wie Prüfungsangst auswachsen. Ein Grund mehr, der Anonymität der Masse zu entkommen.

Die ist ohnehin nicht für jeden das Richtige, meint Christoph Heine vom Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover. «Bei der Wahl der Hochschule sollte man sich auf keinen Fall vom Glanz der Großstadt blenden lassen. Man sollte genau prüfen, ob eine große Uni die richtige Wahl ist.» Und scheint es auch nach der Anlaufphase nicht zu klappen, müsse der Student die Uni notfalls wechseln.

Doch fehlende Betreuung hin oder her: Ist der Student in der Lage, auf andere Menschen zuzugehen, kann die Massenuni auch eine Chance sein. «Das Lehrangebot ist vielfältiger, die Lehrenden oft renommierter. Auch das Leben in Köln, München oder Hamburg erscheint vielen Studierenden attraktiv», hat Heine beobachtet. Und auch in überfüllten Seminaren lässt sich studieren. Wer sich engagiert in den Vorlesungen zeigt und eventuell auch als Hilfskraft aktiv wird, könne schnell einen persönlichen Kontakt zum Professor aufbauen.

Gegen Startschwierigkeiten im Uni-Dschungel lässt sich auch schon vor Studienbeginn einiges tun. «Als Erstsemester ist es sicher nicht schlecht, sich die Universität im Vorfeld einmal anzuschauen. Einfach vor Semesterbeginn einmal über den Campus laufen und die Ruhe vor dem Sturm genießen», rät Walburga Wolters. Ansonsten gilt: Bei allem mitmachen, was von der Orientierungswoche bis zu Vorbereitungskursen angeboten wird. «Es gibt da eine breite Palette an Veranstaltungen. Wer viele Leute kennenlernt, fühlt sich gleich wohler.»

Doch aufgepasst: Zu viele Veranstaltungen bergen auch die Gefahr, dass Studenten sich verzetteln. «Der Erlebnispark Uni kann schnell zur Versuchung werden. Immer mehr Aktivitäten können auch dazu führen, dass einem schwindelig wird», warnt Bernd Nixdorff. Der rote Faden im Studium sollte nicht verloren gehen. Gerade Zeitmanagement ist etwas, das viele Studienanfänger erst lernen müssen.

Nixdorff rät außerdem, Spaß und Freizeit nicht zu vergessen. «Hochschulsport, politisches Engagement, auch das schafft neue Netzwerke.» Und darüber hinaus? «Fragen, fragen, fragen. Und nicht so tun, als wisse man schon alles.» Im Laufe des Semesters verteile sich die Masse ohnehin, ergänzt Wolters. «Und auch die Profs sind oft freundlicher, als der Student vielleicht denkt. Er muss sich nur einmal etwas trauen.»

Die Massenuni ist also kein Monster, vor dem Studenten Angst haben müssen. Ein Lächeln genügt oft - und schon gibt es in der Mensa jemanden, der einem zeigt, wo das Tablett abgestellt wird. Unter den vielen Menschen werden schon ein paar Gleichgesinnte dabei sein. Kontakte knüpfen kann ja auch Spaß machen. Und vielleicht ist unter all den neuen Kommilitonen sogar die große Liebe dabei. Denn eins steht laut Nixdorff fest: «Die Uni ist der Heiratsmarkt schlechthin.»

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