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Rohstoffsicherung: Wissenschaftler aus Halle und Merseburg beraten die EU

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 17:43 Uhr

Gregor Borg mit einer Auswahl strategischer Metalle. Diese Rohstoffe sind sowohl für die Herkunftsländer als Exportgut als auch für die verarbeitenden Länder wegen ihrer Anwendungen von strategischer Bedeutung. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)

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Wie können die Länder der Europäischen Union ihre Versorgung mit Rohstoffen sichern? Diese Frage stellt eine neue Initiative der EU, die Europäische Innovationspartnerschaft für Rohstoffe.
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Halle (Saale)/Merseburg/MZ. 

Antworten sollen Experten aus allen EU-Staaten finden. Fünf der Fachleute kommen von deutschen Hochschulen, zwei davon wiederum aus Sachsen-Anhalt. Dass das Bundesland verhältnismäßig stark an der Initiative beteiligt ist, ist den erfolgreichen Bewerbungen von Gregor Borg und Valentin Cepus zu verdanken. Der eine ist an der Universität Halle Professor für Petrologie und Lagerstättenforschung, der andere ist Professor für Chemie / Instrumentelle Kunststoffanalytik an der Hochschule Merseburg.

Für den Chemiker Cepus ist die Beratertätigkeit in den kommenden vier Jahren nicht die erste EU-Erfahrung. Als er noch für das Unternehmen "Procter & Gamble" tätig war, leitete er eine Projektgruppe in einem EU-Vorhaben für nachhaltige Produktentwicklung. Konkret war er mit der Entwicklung von Elastomerwerkstoffen befasst, die nicht auf fossilen Rohstoffen basieren.

In der neuen Europäischen Innovationspartnerschaft für Rohstoffe wird Cepus in der Arbeitsgruppe "raw materials substitution" mitarbeiten, die sich mit dem Ersatz bestimmter Rohstoffe befassen wird. Konkret werde es wohl um drei Materialien gehen. Welche, darüber sei er allerdings noch nicht informiert, so Cepus. Es gehe darum, an diesen Beispielen durchzuspielen, wie ein solcher Ersatz zu realisieren wäre. Die EU-Innovationspartnerschaft hat allerdings weitaus mehr Ziele, als Strategien für die Substitution von Rohstoffen zu entwickeln. Schließlich, sagt Gregor Borg, werden für den Ersatz eines Rohstoffs meist wieder andere Rohstoffe notwendig. "Mit dem Ausstieg aus der Atomkraft verliert der Rohstoff Uran bei uns an Bedeutung. Dafür wächst zum Beispiel der Bedarf an Neodym, einem Metall, das in Hochleistungsgeneratoren für Windkraftanlagen verwendet wird", sagt Borg. In vier weiteren Arbeitsgruppen werden sich die Fachleute aus ganz Europa deshalb zusammenfinden. Und zwar zu den Themen Rohstoffversorgung, -gewinnung, -aufbereitung , -recycling sowie zur Erkundung neuer Lagerstätten.

Die zuletzt genannte Aufgabe, meint Borg, habe eine große Bedeutung. "Die allermeisten mineralischen Rohstoffe sind geologisch gesehen nahezu unbegrenzt verfügbar." Viele Lagerstätten dieser mineralischen Rohstoffe, zu denen Metalle und seltene Erden gehören, seien aber unbekannt oder lägen schwerer zugänglich in tieferen Bodenschichten, erklärt der Forscher. "95 Prozent aller Lagerstätten, die abgebaut werden, liegen quasi an der Erdoberfläche", sagt Borg. Die EU selbst schätzt den Wert der nicht abgebauten mineralischen Rohstoffe Europas in einer Tiefe von 500 bis 1 000 Metern auf rund 100 Milliarden Euro.

Lagerstätten in größerer Tiefe oder in schwer zugänglichen Gebieten bergen immer ein Kostenrisiko beim Abbau. In einer Mitteilung zur Innovationspartnerschaft für Rohstoffe heißt es, dass neue Technologien künftig dazu beitragen werden, dass Rohstoffe in größeren Tiefen oder unter anderen erschwerten Bedingungen abgebaut werden können. Es gebe einen immensen Forschungsbedarf in der Erkundung möglicher Rohstofflagerstätten, sagt der Professor für Lagerstättenforschung Borg. "Wir haben zukünftigen Generationen gegenüber eine Verpflichtung, zu dokumentieren, an welchen Stellen welche mineralischen Rohstoffe vorkommen. Diese Lagerstätten müssen auch bei Infrastrukturplanungen berücksichtigt werden", erklärt Borg. Das heißt, dass nicht etwa eine Wohnsiedlung gerade dort gebaut wird, wo im Boden eine wirtschaftlich abbaubare Lagerstätte bekannt ist.

Die EU-Innovationspartnerschaft für Rohstoffe sei eine "hervorragende Initiative", sagt Borg. "Damit Europa wettbewerbsfähig bleibt, braucht es eine Industrie, die innovative Produkte entwickelt", meint der Forscher. Und dazu wiederum brauche es ausreichende Mengen der benötigten Rohstoffe auf dem Markt. Ziel der Innovationspartnerschaft sind konkrete Strategien, um die Rohstoffversorgung in Europa zu sichern und den Kontinent auch unabhängiger von Rohstoffimporten zu machen. "Es werden in dem Projekt nicht nur Visionen entwickelt", sagt Cepus. Es werde aus den Arbeitsgruppen auch Empfehlungen geben, welcher Forschungsbedarf besteht und wie entsprechende Vorhaben im Rahmen der EU-Forschungsförderung unterstützt werden sollten, erklärt der Chemiker.