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Gestörte Signale: Chronischer Schmerz wird mit Elektroimpulsen behandelt

Uhr | Aktualisiert 10.01.2013 19:08 Uhr

Ein Impulsgeber, der Patienten implantiert wird. (FOTO: ULI LÜCKE)

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In Magdeburg wird chronischer Schmerz mit Elektroimpulsen behandelt. Forscher wollen nun untersuchen, wie deren Wirkung genau zustande kommt.
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Magdeburg/MZ. 

Den Schmerz wird Josephine Rieth wohl nie vergessen. Mal sei er stechend gewesen, als bohre ihr jemand ein Messer ins Bein, mal habe es sich angefühlt, als wenn jemand das Bein ganz fest abschnüre. "Das war richtig furchtbar. Ich habe nur noch zu Hause auf der Couch gelegen und konnte mein linkes Bein nicht richtig bewegen", sagt die 27-Jährige.

Rieth litt unter neuropathischem Schmerz. Verursacht wird dieser durch eine Schädigung der Nerven im Rückenmark oder im peripheren Nervensystem. Häufig sind Arme oder Beine betroffen. Ursachen können zum Beispiel ein schwerer Bandscheibenvorfall oder ein Unfall sein.

In Josephine Rieths Fall war es ein Autounfall, der im Mai 2010 Nerven im linken Bein der jungen Frau schädigte. Der Schmerz wurde chronisch, fast zwei Jahre lang wurde Rieth mit Schmerzmedikamenten behandelt. Dennoch war die Beeinträchtigung so groß, dass sie eine Ausbildung zur Medizinisch Technischen Assistentin abrechen musste, sagt Rieth.

Im Mai vorigen Jahres machte ein Gutachter Rieth dann auf die Magdeburger Universitätsklinik für Stereotaktische Neurochirurgie aufmerksam. Hier werden Patienten mit neuropathischem Schmerz mit Hilfe sogenannter epiduraler Rückenmarkstimulation behandelt: Mittels Elektroden im Rückenmark-Kanal werden elektronische Impulse gesendet. Diese führen - vereinfacht gesagt - zu einer Reizüberflutung der Zellen im Rückenmark, die Schmerzsignale an das Gehirn übermitteln. "Ich erkläre das Patienten mit dem Bild einer Telefonleitung, über die zwei Gespräche gleichzeitig geleitet werden. Das zweite Gespräch - in unserem Fall die Elektroden-Impulse - übertönt das ursprüngliche Gespräch - in unserem Fall den Schmerz des Patienten - sodass das Schmerzsignal im Gehirn nicht oder nur abgeschwächt ankommt", sagt Lars Büntjen, Oberarzt an der Universitätsklinik für Stereotaktische Neurochirurgie Magdeburg.

Neben dem Einsatz gegen chronische Schmerzen nach Nervenschädigungen werde die epidurale Rückenmarkstimulation auch gegen Schmerzen eingesetzt, die von Erkrankungen der Blutgefäße, zum Beispiel Angina Pectoris, herrührten, erklärt Büntjen. In Magdeburg wollen die Mediziner nun untersuchen, wie die Elektrodenimpulse auf dem Rückenmark im Gehirn die Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerz verändern. "In Einzelfällen kann man im Positronenemissionstomogramm die Hirnaktivität bevor und während der epiduralen Rückenmarkstimulation nachweisen", sagt Büntjen. Bei dieser Positronenemissionstomographie werden die Stoffwechselvorgänge im untersuchten Körpergewebe aufgezeichnet.

Die Magdeburger Forscher betrachten bei ihren Untersuchungen mehrere Areale des Gehirns, die gemeinsam die Schmerzmatrix bilden. "In jeweils verschiedenen Hirnarealen wird wahrgenommen, wie stark zum Beispiel ein Schmerz ist, wo er lokalisiert ist, wie der Mensch motorisch darauf reagiert oder als wie belastend der Schmerz empfunden wird", sagt Büntjen. Die Vision sei es, die Schmerzmatrix immer besser zu verstehen. Interessant könnten die Ergebnisse laut Büntjen aber auch sein, um Patienten zu helfen, die unter neuropathischem Schmerz leiden, deren Rückenmark aber verletzt sei. In diesen Fällen können die Elektroden dort nicht mehr wirken, weil ihre Signale nicht weitergeleitet werden. "Schmerzpatienten, deren Rückenmark stark geschädigt ist, könnte möglicherweise die tiefe Hirnstimulation helfen, bei der Elektroden direkt im Gehirn implantiert werden", sagt Büntjen. Er ist überzeugt davon, dass mittels implantierter Elektroden noch mehr Patienten geholfen werden könnte. "Die epidurale Rückenmarkstimulation ist noch zu wenig bekannt", sagt der Mediziner. Dass Josephine Rieth nach zwei Jahren chronischem Schmerz von dieser Option erfahren habe, sei vergleichsweise schnell. Einige Patienten hätten einen längeren Leidensweg hinter sich. Rieth sagt, sie habe mit Hilfe der Elektrode und dem implantierten Impulsgeber heute ein nahezu schmerzfreies Leben. "Ich habe jetzt eine Umschulung zur Medizinischen Dokumentationsassistentin begonnen. Vor einem Jahr wäre das noch undenkbar gewesen", sagt Rieth.