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Archäologie: Mit Geodaten zurück in die Frühbronzezeit

Uhr | Aktualisiert 08.11.2012 19:04 Uhr

François Bertemes steht im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle vor frühbronzezeitlichen Bronzefunden aus Dieskau (Saalekreis). (FOTO: ANDREAS STEDTLER)

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Wo lebten die Menschen vor rund 4 000 Jahren in Mitteldeutschland am liebsten? Hallesche Forscher erkunden dies mittels Geoinformationssystem.
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Halle (Saale)/MZ. 

Maik Evers hat in den vergangenen Jahren mitteldeutsche Regionalmuseen so genau unter die Lupe genommen, wie wohl kaum ein anderer. In einem Gebiet rund 160 Kilometer rund um Nebra - von Schönebeck im Norden bis Saalfeld im Süden, von Grimma im Osten bis Mühlhausen im Westen - war der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Universität Halle unterwegs.

Neben ausgiebigen Literaturrecherchen war er in den archäologischen Landesämtern Sachsen-Anhalts, Sachsens und Thüringens. Und er hat in mehr als 30 Regionalmuseen recherchiert. Das Ziel der riesigen Datensammlung: ein vollständiger Katalog der bisherigen Funde aus der Frühbronzezeit (circa 2 300 bis 1 600 vor Christi Geburt) in der Region, die im wesentlichen dem mitteldeutschen Verbreitungsgebiet der sogenannten Aunjetitzer Kultur entspricht.

Der Grund für die insgesamt sechs Jahre währende Arbeit: Die Zusammenführung der frühbronzezeitlichen Funde der Region in einem Geoinformationssystem (GIS). Denn: "Wegen der Größe des Untersuchungsgebietes und der hohen Anzahl der Fundstellen wäre es nicht möglich gewesen, jede Fundstelle aufzusuchen und die Lage in Abhängigkeit zur natürlichen Umgebung zu ermitteln. Diese Erkenntnisse liefert das GIS", erklärt Evers. Die Wissenschaftler erhalten auf diese Weise einen Überblick über die Lage der Funde in der Region und können Tendenzen erkennen, wo bevorzugte Siedlungsgebiete in der Frühbronzezeit gelegen haben.

Die Funde sind unterschiedlichster Art: Die einzelne Scherbe hat ebenso Eingang in das GIS gefunden, wie Siedlungs-, Grab- und Hortfunde, wie den, der die berühmte Himmelsscheibe von Nebra enthielt. Die Himmelsscheibe sei auch der Grund, warum die Frühbronzezeit in Mitteldeutschland so aufwendig untersucht werden kann. Denn das Geoinformationssystem ist nur eines von 14 Teilprojekten eines Großvorhabens (siehe "Die Bedeutung der Nebra-Funde") unter dem Titel "Aufbruch zu neuen Horizonten". "Ohne die Himmelsscheibe wäre die Forschergruppe finanziell so nicht möglich gewesen", sagt François Bertemes, Professor für Prähistorische Archäologie Mitteleuropas und Leiter des Teilprojekts "Die frühbronzezeitliche Besiedlung der Makroregion um Nebra".

Das hierbei erstellte GIS enthält geografische, geologische und Umweltdaten, wie den Verlauf von Fließgewässern, Hangneigungen, Bodenqualität, Sonnenscheindauer und Niederschläge. "Die Lage der Fundstellen lassen Tendenzen erkennen, in welchen Naturräumen in der Frühbronzezeit Besiedlung bevorzugt stattgefunden hat: Die Menschen haben sich in der Nähe von Flüssen, in geringen Höhen und auf fruchtbarer Schwarzerde niedergelassen", sagt Evers. Mit Hilfe des GIS kann der Wissenschaftler nun zum Beispiel eine Prognosekarte für die Besiedlung in der Frühbronzezeit erstellen: Auf einer Karte der Region sind die Fundstellen als Punkte abgebildet. Die Fundstellen und Regionen, in denen ähnliche Gegebenheiten herrschen wie dort, sind dunkelgrün eingefärbt. Farbabstufungen bis hin zu dunkelrot zeigen, wo die Gegebenheiten immer unähnlicher werden und damit keine Funde zu erwarten sind.

Damit das Geoinformationssystem überhaupt entstehen konnte, hat Evers eng mit dem Institut für Geowissenschaften und Geografie der Uni Halle zusammengearbeitet. "Für das GIS brauchten wir unter anderem digitale Höhenmodelle, Geodaten aus bodengeologischen Karten sowie Auszüge aus dem digitalen Landschaftsmodell", sagt Matthias Witt, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Cornelia Gläßer, Professorin für Thematische Kartographie und Geofernerkundung. Auch hier waren riesige Datenmengen auszuwählen und zu bearbeiten, damit das GIS für die archäologische Forschung sinnvolle Auswertungen der Daten ermöglicht.

Nicht nur Evers profitiert bei seiner Untersuchung der Besiedlung in der Region Nebra von dem Überblick, den das GIS ermöglicht. "Das Geoinformationssystem ist ein zentrales Vorhaben im Forschungsverbund, denn es bietet die Möglichkeit, auch die in den Teilprojekten gesammelten Informationen zentral zu sammeln und auszuwerten", sagt Bertemes.

Einmal erstellt, kann das GIS auch mehr als Frühbronzezeit. Pflegt man entsprechende Funddaten ein, kann die Analysen auf andere Zeitalter ausgeweitet werden. Für Evers eine wissenschaftlich reizvolle Vorstellung: "Es wäre sehr spannend, im zeitlichen Ablauf die Besiedlung der Region von der Jungsteinzeit bis zum Frühmittelalter auf Grundlage der Geodaten und der geostatistischen Analysen darzustellen."

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