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Solarbranche: Besteht Hoffnung für das Solar Valley?

Uhr | Aktualisiert 15.01.2013 20:31 Uhr
Für das Solar Valley war 2012 ein Tiefpunkt und das Jahr des Insolvenzen. (FOTO: ANDRÉ KEHRER) 
Im Jahr 2012 fegte eine Hiobsbotschaft nach der anderen über das Solar Valley hinweg. Eine ganze Branche stand mit dem Rücken zur Wand. Wirtschaftsförderer Armin Schenk hat zwar keinen Einfluss auf die Entwicklung der globalen Märkte. Er glaubt dennoch an die Zukunft der Standorts.
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Wolfen/MZ. 

Im Jahr 2012 fegte eine Hiobsbotschaft nach der anderen über das Solar Valley hinweg. Eine ganze Branche stand mit dem Rücken zur Wand. Während einige Unternehmen durch Übernahmen gerettet werden konnten, meldeten andere ihre Insolvenz an und musste Mitarbeiter entlassen. Über diese Entwicklung sprach MZ-Redakteur Detmar Oppenkowski mit dem Geschäftsführer der Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft Anhalt-Bitterfeld mbH (EWG), Armin Schenk.

Wie stellt sich aus Sicht des Wirtschaftsförderers Entwicklung für das Jahr 2012 im Landkreis Anhalt-Bitterfeld dar?



Schenk: Die Wirtschaftsentwicklung war durchwachsen und der Arbeitsmarkt robust. Die Unternehmensgründungen befinden sich auf gutem Niveau. Aber die größten Probleme, die wir im Jahr 2012 hatten, waren die Insolvenzen. Das betraf aber nicht nur die Photovoltaikbranche, sondern auch das Verteilzentrum von Neckermann in Heideloh und den Fruchtsafthersteller Libehna in Raguhn.



Zu Q-Cells, Sovello und Co.: Hier wurden Milliarden Euro investiert, tausende gut ausgebildete Arbeitskräfte beschäftigt und jahrelang die Technologieführerschaft gehalten. Wie kann das von heute auf morgen den Bach runtergehen?



Schenk: Das geschah ja nicht Knall auf Fall. Bereits im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise zeigte sich, dass Großprojekte im Photovoltaikbereich nicht in der geplanten Weise umgesetzt werden konnten. Damit einher gingen sofort Absatzschwierigkeiten. Hinzu kam der Kostendruck auf dem Markt, da enorme Produktionskapazitäten in Asien entstanden sind. Beide Entwicklungen hatten Auswirkungen auf Firmen vor Ort.



Sieht man aber derzeit, dass international das Tal der Krisen durchschritten wird und neben China auch Japan und die USA riesige Anlagen fördern, fragt man sich: Ist den deutschen Firmen zu früh die Puste ausgegangen?



Schenk: Das ist eine theoretische Frage. Aber zieht man die Wirtschaftswissenschaften zurate, so wird dieses Prozess als Schweinezyklus bezeichnet. Hohe Preise für Solarmodule führen zu einem Anziehen der Investitionen und zeitverzögert zu einem Aufbau neuer Produktionskapazitäten. Wenn die neuen Module am Markt sind, entsteht ein Überangebot, das die Preise fallen lässt. Das haben wir in den vergangenen Jahren erlebt und Firmen sterben. Sinkende Preise führen in der Theorie zu verringerten Investitionen - bis die Nachfrage nach Solarmodulen wieder das Angebot übersteigt. So kommt es zu einer abwechselnden Über- und Unterproduktion. Ob sich das in der Realität bewahrheitet und eine steigende Nachfrage die Preise wieder nach oben treibt, muss sich allerdings erst noch zeigen.

Im Solar Valley sollen 1 500 Beschäftigte ihre Arbeit verloren haben. Etwa 60 Prozent von ihnen kommen aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Wie wirkt sich das auf den lokalen Arbeitsmarkt aus?

Schenk: Wenn man auf die Arbeitslosenstatistik schaut, dann ist etwas Überraschendes eingetreten. Während wir im Januar 2012 eine Arbeitslosenquote von 12,8 Prozent hatten, belief sie sich im Dezember 2012 auf 11,9 Prozent. Über das Jahr 2012 ist trotz der Insolvenzen die Arbeitslosigkeit in Summe gesunken. Allerdings liegen die Ursachen in der demografischen Entwicklung. Zudem ist es vielen ehemaligen Mitarbeitern gelungen, in eine Beschäftigung zu kommen. Die Insolvenzen hatten also keine dramatischen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

Jahrelang war das Solar Valley der Hoffnungsträger einer ganzen Region. Auch daher wurde viel über die Rettung einzelner Firmen intensiv diskutiert. Aber gab oder gibt es realistische Möglichkeiten, die einheimischen Märkte zu schützen?

Schenk: Die Einflussmöglichkeiten der regionalen Wirtschaftsförderung sind begrenzt. Man kann mittelbar versuchen Druck auszuüben. Das wurde auch gemacht, um Veränderungen herbeizuführen, etwa die Unterstützung des Anti-Dumping-Verfahrens. Es wurde mit Sovello auch das italienische Modell, das die Förderung von Anlagen mit europäischen Komponenten begünstigt, besprochen. Wir haben dieses Modell in die Landespolitik gespiegelt. Aber in dieser Frage war keine Bewegung erkennbar.

Lokale Strategien treffen hier auf globale Entwicklungen. Inwieweit können eine Stadt, ein Landkreis oder ein Bundesland überhaupt noch Einfluss ausüben?

Schenk: Nur im Bezug auf die lokalen oder regionalen Rahmenbedingungen und was die Vermittlung von Kontakten anbelangt, gibt es Unterstützungsmöglichkeiten. Das Land selbst hat in Bezug auf die Finanzierung da schon größere Möglichkeiten. Es ist Mitglied im Bundesrat und kann hier Initiativen in die Wege leiten oder über das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit abstimmen.

Dennoch hat all das wenig genutzt. Nicht nur die hier zur Markt- und Serienreife gebrachten Solarzellen werden jetzt in Asien hergestellt, auch das Know-how ist zum Teil abgewandert. Hat man die Technologieführerschaft also letztendlich leichtfertig verspielt?

Schenk: Meine persönliche Meinung ist, dass sie nicht leichtfertig aus der Hand gegeben wurde. Aber anders als in anderen Bereichen ist bei der Photovoltaik der entscheidende Faktor gewesen, dass Maschinenhersteller im wesentlichen die Technologie geprägt haben. Bei ihnen lag das Know-how. Und das haben sie auch in andere Länder verkauft. Dennoch denke ich, dass wir am Standort weiterhin enorme Kompetenzen haben.

Wo verorten Sie die?

Schenk: Q-Cells produziert weiterhin am Standort. Dass ein koreanischer Konzern einsteigt, zeigt das bestehende Interesse. Nicht nur an der Region, sondern auch am hier gebündelten Wissen. Auch Solibro - jetzt in chinesischer Hand - produziert weiter. Das Unternehmen verfügt auch über eine besondere Technologie, die nur schwer in der Produktion umsetzbar ist. Und: Scheinbar wird sie in China noch nicht beherrscht. Zudem haben wir eine hervorragende Forschungs- und Ausbildungsinfrastruktur. Das alles sind Indikatoren, dass es mit der Photovoltaik am Standort weitergeht. Allerdings nicht mehr in diesem explosiven Tempo. Aber es geht weiter. Dafür steht auch Calyxo, die nicht in die Insolvenz gegangen sind.

Für Sovello in Thalheim und für PV Crystalox in Bitterfeld gibt es wenig Hoffnung. Hat für die verbliebenen Firmen der Abwärtstrend ein Ende?

Schenk: Meine Prognose ist, dass der Tiefpunkt durchschritten ist. Und es wird in der nächsten Zeit erst einmal eine Konsolidierung geben. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass es wieder aufwärts gehen wird. Aber ich gehe davon aus, dass es Arbeitsplatzzuwächse - wie wir sie einst erlebt haben - nicht mehr geben wird, da die Massenproduktion nicht mehr in Deutschland stattfindet.

Auf der einen Seite die verhaltene Hoffnung über die Zukunft des Standorts. Auf der anderen Seite stehen aber auf dem Areal bereits Hallen zum Verkauf. Was wird damit geschehen?

Schenk: In die ehemalige Produktionshalle des Solarzellenherstellers CSG Solar AG will der mittelständische Automobilzulieferer HKR Seuffer Automotive GmbH & Co. KG einziehen und hier ab Mitte des Jahres elektronische Baugruppen für die Autoindustrie herstellen. Das ist eine positive Entwicklung, weil das zu einer wichtigen Branchenvielfalt des Standortes führt.

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