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Näherinnen auf 35mm: Einblick in die DDR-Arbeits- und Lebenswelt

Paul Werner Wagner (am Mikrofon) stellt vor dem Film „Neues in Wittstock“ Fragen an Regisseur Volker Koepp, der in Berlin lebt.

Paul Werner Wagner (am Mikrofon) stellt vor dem Film „Neues in Wittstock“ Fragen an Regisseur Volker Koepp, der in Berlin lebt.

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Thomas Ruttke

Wolfen -

„Film ab!“ – Kurator Paul Werner Wagner ist voll in seinem Element. Im Industrie- und Filmmuseum (Ifm) gibt er bei seinen 4. Wolfener Filmtagen dem Mann an der Kamera wieder einmal das Startzeichen. Dann geht das Licht aus, die TK35 fängt an zu rattern und auf der Leinwand beginnen die Bilder zu flimmern.

„Neues in Wittstock“ gibt einen Einblick in die Stadt nordwestlich von Brandenburg. Bilder auf einem 35 Millimeter Filmstreifen gebannt zeigen Menschen, die in Wittstock zu DDR-Zeiten vom „VEB Obertrikotagenwerk“ geprägt wurden. Regisseur Volker Koepp hat sie dafür über Jahre begleitet und interviewt.

Rund 24 Jahre nach der Veröffentlichung des ausgezeichneten Werks schaut Koepp im Ifm sich sein eigenes Werk an und beobachtet dabei die Reaktionen der Besucher. Schon zum dritten Mal ist er in Wolfen, um Filme zu zeigen. „Ich habe sofort ja gesagt, als ich zu den Wolfener Filmtagen eingeladen wurde“, sagt Koepp. Allein das rattern der TK35 sei für ihn Grund genug, ins Ifm zu gehen.

Für die vierte Auflage der Filmtage hat sich Kurator Wagner besondere DEFA-Dokumentarfilme ausgewählt. „Ich wollte sie einmal nach Wolfen holen“, erklärte er am Freitagabend vor rund 40 Zuschauern. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits vier von sieben Filmhöhepunkten gezeigt. Die Zuschauerresonanz war im Vergleich zu den Vorjahren zwar auch gut, aber dennoch rückläufig. „Die vorherigen Wolfener Filmtage waren besser besucht. Aber die Dokumentarfilme sind vielleicht ein Sujet, was nicht jeden anspricht“, überlegt Horst Kühn vom Verein Ifm.

Paul Werner Wagner ist das bewusst. Dennoch wollte der Kurator mit den DEFA-Dokumentarfilm-Streifen gezielt einen Einblick in die DDR-Arbeits- und Lebenswelt zeigen. „Wenn man mit Filmen das kulturelle Erbe der DDR zeigt, dann kann man nicht nur auf die Zuschauerzahlen blicken“, meint er. 450 Besucher zählte das Ifm zu den dank Sponsoren realisierbaren Filmtagen und damit deutlich weniger als im Jahr 2014. „Natürlich wäre das Haus schnell ausverkauft, wenn bekannte Leute kämen. Die Filme sind aber wichtig und es war mir ein Anliegen, sie zu zeigen“, so Wagner.

Eine, die sich gerne die Dokumentarfilme mit speziellem Einblick in den DDR-Alltag angeschaut hat, ist Brigitta Tiedtke. Nach Einschätzung der Sandersdorferin sollten vor allem viel mehr junge Menschen die jahrzehntealten Werke anschauen. „Um die Generationen miteinander zu verbinden“, sagt sie. Es gehe dabei um das Verstehen der damaligen Verhältnisse. Tiedtke besaß für die Wolfener Filmtage eine Dauerkarte. „Wir nehmen alle Filme mit. Außerdem sind die Gespräche am Rande des Films sehr intensiv und beleben die Veranstaltungen noch weiter.“

Unter den Besuchern von „Neues in Wittstock“ war auch Katrin Büchner. Über einen Flyer in einer Buchhandlung ist der Kino-Fan aus Bitterfeld auf die DEFA-Dokumentarfilme aufmerksam geworden. „Ich finde es gut, dass in Bitterfeld-Wolfen auch ohne Kino ab und zu mal einige Filme gezeigt werden.“

Für Wagner war bei den Filmtagen „Erinnerung an eine Landschaft - für Manuela“ der bewegendste Moment. Der Film war eine Neuentdeckung für ihn. Inhaltlich ging es um zwei Dörfer und deren Menschen, die der Braunkohle weichen mussten. „Dieser Film hat mich ganz tief beeindruckt: Zu sehen, wie schwer es ist, seine Heimat verlassen zu müssen.“

Zu den 5. Wolfener Filmtagen im Jahr 2016 sollen wieder Spielfilme laufen. Bis dahin folgen weitere Abende aus der Reihe „Filme wiederentdeckt“. Beim nächsten Mal wird dazu am 27. Oktober „Die Zeit, die bleibt“ im Ifm ausgestrahlt. (mz)


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