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Geplante Gemeinschaftsunterkunft: Roitzscher sehen rot: Flüchtlingsunterkunft wird abgelehnt

Sporthalle

Übervoll war die Sporthalle der Sekundarschule zum Informationsabend.

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Georg Wenzel

Roitzsch -

Was der Vergabeausschuss des Kreistages im Dezember beschlossen hatte, ist bei den Einwohnern von Roitzsch durchgefallen. Mit scharfen Worten lehnten sie eine in dem Ortsteil von Sandersdorf-Brehna vorgesehene Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber ab. Der Protest, den sie während einer Informationsveranstaltung am Dienstagabend mit Landrat Uwe Schulze (CDU), Bürgermeister Andy Grabner (CDU), dem Leiter des Revierkommissariats Bitterfeld-Wolfen, Peter Ziehm, sowie weiteren Kommunalpolitikern artikulierten, erreichte hin und wieder schon tumultartige Ausmaße. Die Sporthalle der Schule reichte für die Anzahl der Menschen, die gekommen waren, nicht aus. Viele von ihnen standen noch im Treppenhaus.

Das einstige Möbelkaufhaus „Heidicker“ am Ortsrand von Roitzsch soll umgebaut werden zu einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber. Einziehen sollen ab April 180 Flüchtlinge, die Anzahl der Plätze könnte auf 225 erweitert werden.

Der Landkreis Anhalt-Bitterfeld erwartet in diesem Jahr nach vorläufiger Prognose rund 2.900 neue Flüchtlinge, 1.800 leben bereits in den Asyl-Unterkünften und Wohnungen in den einzelnen Orten. In Sandersdorf sind es rund 50 in Wohnungen.

In Roitzsch stehen die Signale aber auf Rot, die Gemeinschaftsunterkunft wird rigoros abgelehnt. Das machten die Einwohner, die zur Info-Veranstaltung gekommen waren, deutlich. Vor allem machten sie ihre Befürchtungen und Ängste vor den möglichen neuen Dorfbewohnern und dem Alltag, der das Leben in Roitzsch verändern würde, deutlich.

Nach den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln hat die Debatte um Asylsuchende und Asylrecht eine neue Dimension angenommen, offensichtlich auch in dem kleinen, beschaulichen Dorf an der B 100. Die allermeisten Bürger nahmen am Dienstagabend darauf Bezug. Und zwar äußerst emotional. Das ging bis hin zur Rücktrittsforderung an den Landrat. Sie fühlen sich nicht mehr vertreten von denen, die sie einst gewählt haben, sagten einige. Und gemeinsam fassten sie ihren Ärger und ihre Unsicherheit, ihren Frust und ihre Ohnmacht in die wohlbekannten Worte „Wir sind das Volk“. Warum gerade Roitzsch? Diese Frage hing greifbar im Raum. Der deutsche und der Schweizer Eigentümer der alten Möbel-Halle, erklärte der stellvertretende Landrat, Bernhard Bödekker, haben sich neben anderen Anbietern an der Ausschreibung des Landkreises beteiligt. Nach aller Prüfung sei diese Halle in Roitzsch letztlich das einzige Objekt in Sandersdorf-Brehna gewesen, das für die Nutzung als Gemeinschaftsunterkunft geeignet ist. Allerdings, so Bödekker, laufe die bauordnungsrechtliche Prüfung noch. Wird die nicht erteilt, sei das Projekt weg.

Eine Alternative sind für die Roitzscher von Anfang an die leerstehenden Wohnblöcke in Wolfen-Nord. „Wir verstehen euch nicht“, so einer der Bürger in Richtung Landrat. Der indes erklärte, seine Behörde habe sich äußerst engagiert bemüht, mit den Eigentümern der Plattenbauten überein zu kommen. „Das ist nicht gelungen.“

Entkräften konnte indes keiner der Kommunalpolitiker den Vorwurf der Bürger, die Entscheidung über ihre Köpfe hinweg getroffen zu haben. Zudem: Nicht mal der Beschluss des Vergabeausschusses sei öffentlich gemacht worden, gesprochen habe mit ihnen sowieso keiner.

Auch der Bürgermeister von Sandersdorf-Brehna schaffte es nicht, die Massen zu beruhigen. „Sie können mir glauben: Ich nehme das definitiv nicht auf die leichte Schulter“, sagte Andy Grabner.

An diesem Abend in Roitzsch, der wahrscheinlich bei allen Leuten, die im Podium saßen und die davor im Saal standen, nachhallen wird, gab es viele Fragen und viele Antworten. Aber, bei Lichte besehen, waren es eben doch keine Antworten. (mz)


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