Im Städtchen Dillenburg, etwa 400 Kilometer entfernt, blühte bei etwa zwei Dutzend Schülern der Wilhelm-von-Oranien-Schule das Interesse für die einst "schmutzigste Stadt Europas" auf. Anlass war ein Wettbewerb der Stiftung Lesen und der FAZ zum Thema "Entwicklungsland Deutschland." Bei dem gingen die Politik- & Wirtschafts-Leistungskurse des Dillenburger Gymnasiums mit ihrem Bitterfeld-Projekt letztlich jedoch leer aus. Oder doch nicht?
Mittendrin, nicht nur dabei
"Auf keinen Fall", meint Julia Hinze. Die 18-Jährige schrieb mit am etwa 80 Seiten starken Werk über Bitterfeld. Sie war nicht nur dabei, sondern mittendrin. Monika Marons Buch "Bitterfelder Bogen" zog sie in den Bann. Die Stadt sei ein sehr geschichtsträchtiger Ort. Bitterfeld selbst habe seit 1989 einen grandiosen Wandel vollzogen. "Stieg auf wie Phönix aus der Asche", meint Hinze. All das hat sie gelesen, gehört - nur eben nicht gesehen. Vielleicht irgendwann einmal. Um die Goitzsche würde sie gern laufen. "Ein See soll aus einem Tagebau entstanden sein." Das hat ihnen Bitterfeld-Wolfens Oberbürgermeisterin Petra Wust (parteilos) erzählt. Die heutige Technik machte es möglich. Per Skype. Man sah sich und sprach via Internet. Fand sich sympathisch, erinnert sich die Schülerin.
Für den Dillburger Lehrer Eckhard Scheld ist Bitterfeld mittlerweile kein unbekanntes Pflaster mehr. Mit Kollegen Markus Quint reiste er zu Recherchen an, um sich ein Bild von dem zu machen, was geschrieben steht oder vor langer Zeit erschien. "Flugasche" zum Beispiel. Monika Marons Werke bildeten eine Grundlage der Schülerarbeit. "Flugasche" war es jedenfalls nicht, die ihnen in Bitterfeld Tränen herauspresste. "Wir waren einfach überrascht", so Scheld. Zwei Tage waren die Lehrer unterwegs: Goitzsche, Bitterfelder Bogen, Solar-Valley, Wolfen-Nord ... Ihre Eindrücke passen in keinen Schulranzen. "Wir kamen mit Leuten ins Gespräch, die uns gern über ihre Heimat Auskunft gaben."
Wandel vollzogen
"Go Trabi go" ist Vergangenheit. Darüber kann Scheld heute nur noch müde lächeln. Denn das Bitterfeld von einst hat einen Wandel vollzogen "Und ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen." Kevin Diehl noch nicht, aber gehört hat er davon viel. Der 18-Jährige gehörte zum Redaktionsteam, zeichnete fürs Layout verantwortlich. Keine leichte Aufgabe, gibt er zu. Aber eine, die einen fordert, das Team gefordert hat. Denn der Wettbewerbsbeitrag wurde nicht nach Schulschluss zugeklappt. "Er hat mir den Osten nähergebracht", erzählt Diehl. Genau wie Benjamin Freischlad, der das letzte Wort hatte, in dem er das Schlusswort schrieb. "Ein zentraler Punkt, der bei der Betrachtung Bitterfelds auffiel, ist, dass wirtschaftlicher Erfolg an ökologischen Aspekten gemessen werden sollte." Und er schrieb noch: "Wenn wir das heutige Bitterfeld mit dem von 1989 / 90 vergleichen, können wir feststellen, dass die Region eine Kehrtwende vollzogen hat." Es sei der Traum einer symbiotischen Koexistenz von Mensch und Natur verwirklicht und ein Bitterfelder Bogen geschaffen und gleichzeitig gespannt worden.
"Irgendwie waren wir schon in Bitterfeld", heißt es aus Dillenburg. Nur eben in Gedanken. Das bekannte fremde Bitterfeld wollen Kevin Diehl, Benjamin Freischlad, Julia Hinze und ihre Mitschüler auf alle Fälle einmal sehen - noch in dieser Welt. Versprochen!