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Anhalt-Bitterfeld: Grünes Licht für Farbfilm

Uhr | Aktualisiert 16.12.2012 20:43 Uhr
Andrea Mehl, Kustodin im Industrie- und Filmmuseum, im Schmelzraum. Hier wurde die Gelatine, die lichtempfindliche Schicht, verflüssigt. (FOTO: TH. RUTTKE) 
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Eigentlich ist es hinter dieser Tür zappenduster. Denn wo einst die Beschichtungsmasse für den Film geschmolzen wurde, hätte jeder normale Lichtstrahl das Produkt zunichte gemacht.
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Wolfen/MZ. 

Natürlich geht, seitdem der Schmelzraum als Teil der historischen Filmfabrik zum Industrie- und Filmmuseum gehört, hier das Licht an. Doch wenn Manfred Gill, Archivar der Einrichtung, bei einer Führung den Schalter rumdreht, ist es eben wie früher: finster. Dann macht sich ein diffuses, ganz, ganz schwaches Licht breit - wie früher. Denn die Leute, die hier bis zur Wende arbeiteten, haben das unter sehr dunklem grünen Licht getan. Und bei Temperaturen um 40 Grad.

Der Schmelzraum gehörte zur ersten Begießerei der Filmfabrik überhaupt - seine komplette Einrichtung stammt aus dem Gründungsjahr 1909. Hier wurde die lichtempfindliche Masse, die in der Emulsionsfabrik aus den verschiedenen Chemikalien zusammengemixt worden war, wieder verflüssigt. In 25-Kilo-Behältern kam sie als Wabbel-Gelatine an. Bei 50 Grad wurde sie im Wasserbad geschmolzen und dann gerührt, gerührt und gerührt, damit sie flüssig blieb. Sie wurde gebraucht für den Prozess, der in der Halle gleich nebenan passierte: die hauchdünne Beschichtung der Folie zum funktionierenden Film.

Doch ganz so einfach wie in der guten heimischen Küche, wo schon mal eine Panne mit der Gelatine passieren kann, war das hier alles nicht. Hier ging es schließlich um andere Größenordnungen. Ständig mussten die Beschäftigten die Viskosität, den Flüssigkeitsgrad, im Blick haben. War der nicht in der Norm, funktionierte alles nicht: Aus den zwei großen Schmelzkesseln wurde die flüssige Gelatine per Drei-Atü-Luftdruck über die Dosenfilter gejagt. Die kann man sich durchaus wie einen Riesenkaffeefilter vorstellen, in dessen Poren unerwünschte Klümpchen hängen bleiben. Und wie der Kaffee in die Kanne, floss die Gelatine in gewaltige Rührwerke. Die waren natürlich beheizt, damit die empfindliche Flüssigkeit nicht erstarrte. Aus den Filtern wurde sie dann wieder per Luftdruck weitergeschickt - zu den Begießmaschinen im Nebenraum, wo sie schließlich in einer Stärke von drei Tausendstel Millimeter auf die Folie kam.

1,20 Meter breite durchsichtige Bahnen wurden hier durch die Begießmaschine gezogen, wir durch eine Art Tauch-Vorrichtung. Die Folie nahm dabei die Emulsion auf wie ein Schwamm das Wasser. Dann ging's ab damit in die so genannte Hänge, wo die breiten Filmbahnen in riesigen Schleifen aufgehängt waren und in warmer Luft trockneten. Das ging recht rasch vonstatten, es dauerte pro Schleife eine Minute. In modernen Anlagen lief der Film über Trockentrommeln, so dass er im Nu fertig war.

Die letzte Station in der Begießerei war die Aufwicklung, wo der fertige Rohfilm wieder zu Rollen formiert wurde, um anschließend weiter verarbeitet werden zu können. 15 Leute arbeiteten pro Schicht in der kompletten Begießerei-Strecke - in drei Besatzungen und rund um die Uhr. Noch heute übrigens wird diese Folie am Standort produziert - bei Island Polymer Industries (IPI) auf dem Gelände der Filmfabrik und im Folienwerk Thalheim. Die Folienherstellung übrigens ist in der Filmproduktion der einzige Prozess, der im Hellen abläuft. 305 bzw. 610 Meter Material befanden sich auf einer Rolle. Warum diese ungewöhnlichen Maße? Manfred Gill weiß es: Die Angaben wurden nach dem uralten englischen Längenmaß Fuß gemacht. Und da der amerikanische Rollfilmhersteller Kodak das erste und führende Unternehmen der Branche war, waren damit die Maße festgelegt. Das erklärt auch die Anzahl der Bilder pro Film: 12, 24, 36. Auch die Kameratechnik richtet sich nach dieser Maßeinheit - heute noch.

Unverändert ist auch, dass es überall dort, wo heute analoger Film hergestellt wird, nach wie vor einen Schmelzraum gibt. Und während Beguss und Trocknung längst computergesteuert laufen, finden diese Prozesse wie eh und je im Dunkeln statt. Daran haben Wissenschaft und Technik nichts ändern können. Doch steht diese Frage nun eigentlich nicht mehr. Nur noch ganz wenig Film wird hergestellt. Einige Künstler stehen drauf. Und Archive. Zum Festhalten historischer Dokumente, Akten etc. hat man sich nach einigen Experimenten wieder auf den sicheren, guten, alten Schwarz-Weiß-Film besonnen. Manfred Gill: "Schwarz-Weiß hält 100 Jahre und länger, das wissen wir." Ganz weg ist der Film eben doch nicht. Diese Tradition der Filmfabrik setzt am Standort Wolfen die Firma Filmotec fort.

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