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Abschiebung: Flüchtling in Bitterfelder Ausländerbehörde verhaftet

bitterfeld/MZ -

Dramatische Szenen spielten sich gestern Mittag in der Ausländerbehörde Bitterfeld ab. Der vor der Abschiebung stehende Sudanese Osman Tigani wollte seine Duldung verlängern, wurde aber verhaftet. Während vor dem Gebäude das antirassistische Netzwerk Sachsen-Anhalt mit Plakaten und lauter Musik demonstrierte, überreichten Polizisten dem 39-Jährigen einen Haftbefehl: Er hatte seine Residenzpflicht verletzt - die Auflage, wonach Flüchtlinge die ihnen zugewiesenen Regionen nicht verlassen dürfen. Die Geldstrafe dafür hatte Tigani nicht bezahlt, erklärt Regine Förger vom Landgericht Dessau-Roßlau. „Deshalb wurde eine Ersatzfreiheitsstrafe angeordnet.“

Suizid-Ankündigung

Tigani kam zunächst ins Revierkommissariat Bitterfeld. Mitglieder des Netzwerkes trieben das Geld auf, rund 1500 Euro. Tigani wurde frei gelassen. Er ist schockiert: „Ich habe vorher keinen Brief dazu bekommen und weiß nicht, warum die Leute so mit mir umgehen. Ich bin verzweifelt.“

Tigani soll in den Sudan abgeschoben werden (die MZ berichtete). Die Flüchtlingsorganisation „Netzwerk Karawane“ aus Hamburg protestiert dagegen. Man fürchtet um Tiganis Leben, sollte er in die Krisenregion zurück kehren müssen. Er war 2004 aus Darfur geflohen und lebt derzeit in der Gemeinschaftsunterkunft in Marke. Er sei oppositionell gegen die Regierung aktiv gewesen, sagt der Sudanese. Nachdem sein Asyl-Antrag zweimal abgelehnt wurde, saß er Anfang Februar in Abschiebehaft. Der Flug war schon gebucht. Doch weil er ankündigte, sich umzubringen, setzte man den Termin ab. Man wollte ihm während des Fluges einen Begleiter zur Seite stellen. „Besser, ich bin hier tot als dort“, das sagte Tigani auch gestern. „Meine Brüder wurden in Darfur umgebracht. Ich habe dort niemanden, es ist immer Krieg, immer Katastrophe.“

Das „Netzwerk Karawane“ zeigt sich entsetzt: „Ihn ein zweites Mal und in diesem Zustand zu verhaften, ist eine psychologische Tortur“, sagt Ralf Lourenco. „Sollte er sich etwas antun, wissen wir, wer dafür die Verantwortung trägt.“ Er habe gestern mit der Ausländerbehörde und mit Vertretern des Innenministeriums gesprochen. „Es kann außerdem nicht sein, dass die Anwältin von Herrn Tigani nicht über die Verhaftung informiert wurde, obwohl sie Stunden zuvor mit der Ausländerbehörde telefoniert hatte. Ein ganz mieses Spiel, das hier getrieben wird.“

Im Internet sorgt der Fall für Aufsehen: In mehreren Foren wird dazu aufgerufen, eine Abschiebung zu stoppen, es gibt auch eine Facebook-Seite. Auf der Homepage des Flüchtlingsrates Sachsen-Anhalt ist ein Aufruf zu einer Briefkampagne veröffentlicht. Nach Auskunft im Büro der Anwältin sind die angeforderten Unterlagen der Ausländerbehörde noch nicht eingegangen. Das für Asylverfahren zuständige Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge gibt zu Tigani aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskunft.

Abgeordneter schaltet sich

Das Innenministerium in Magdeburg äußert sich auf Nachfragen weder zur gestrigen Verhaftung noch dazu, ob man sich nun doch einschalten will. Nur so viel: Ein neuer Termin für die Abschiebung sei derzeit nicht bekannt.

Inzwischen befasst sich der flüchtlings- und migrationspolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, Sören Herbst, mit dem Fall. Über Details müsse er sich noch informieren. „Es ist höchst brisant, den Mann in ein derart unsicheres Gebiet abzuschieben. Er hat eine Flüchtlingsgeschichte hinter sich und die Lage im Sudan hat sich nicht verbessert. Es herrscht Anarchie, täglich werden Menschen getötet. Wir müssen hier humanitären Schutz geben.“


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