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Biografie der Rocklegenden: Das wilde Leben von Chrissie Hynde und Willie Nelson

Chrissie Hynde wurde von der Rockmusik vor einer Drogenkarriere gerettet.

Chrissie Hynde wurde von der Rockmusik vor einer Drogenkarriere gerettet.

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Dean Chalkley

Es ist ein langer Weg bis ganz nach oben zum großen Rock-Ruhm. So lang offenbar, dass Menschen, die ihn gegangen sind, sich am Ziel mehr an die Zeit erinnern, die vor ihrem Abmarsch lag, als an die Tage, in denen sie sich von unbekannten Newcomern zu Weltstars mauserten.

Im Fall der Amerikanerin Chrissie Hynde, die als Gründerin und Sängerin der britischen Band The Pretenders zu einer Ikone wurde, ist das ein Glücksfall für die Leser ihrer Autobiografie. Die heißt „Reckless“, zu Deutsch so viel wie „sorglos“, und erzählt die Geschichte eines Mädchens aus dem kleinstädtischen Ohio, das schon als Teenager wusste, was es nicht will. Dann aber viele Jahre brauchte, um herauszubekommen, was es stattdessen noch geben könnte.

Auch Willie Nelson, nach dem Tod des dunklen Country-Königs Johnny Cash der größte unter den verbliebenen Nashville-Outlaws, wurde nicht direkt nach der Entlassung aus dem Armeedienst zu dem störrischen Star, der er heute ist. In „Mein Leben - eine lange Geschichte“ erzählt der 83-Jährige anspielungsreich und detailverliebt von seinen zahllosen Anläufen, irgendwie von der Musik leben zu können. Nichts gelang, jedenfalls nicht richtig, Nelson schlug sich durch, flüchtete Mal um Mal vor sich selbst, er heiratete, tat dies und versuchte das. Um am Ende doch wieder in einer neuen Stadt zu stehen, an der Seite einer neuen Frau, mit einer neuen, ungewissen Chance vor Augen, von der er immer wusste, dass sie mehr versprach als sie halten würde.

Von Droge zu Droge und Bett zu Bett

Ein Gefühl, das Chrissie Hynde kennt. Aufgewachsen mitten in den letzten Ausläufern der Hippiezeit und früh angefixt von der Sucht nach Musik, ist die heute 64-Jährige immer entschlossen gewesen, kein bürgerliches Leben anzustreben. Stattdessen gibt es, auch diese Parallele zu Willie Nelson fällt auf, Drogen über Drogen, Abstürze. Sie wird von einer Rockergruppe vergewaltigt und startet verzweifelte Neuanläufe zu Karrieren, die dann doch keine werden.

Das „Reckless“, mit dem Hynde ihre Biografie überschrieben hat, kann auch als „rücksichtslos“ übersetzt werden - und zumindest, was ihre in Ohio zurückbleibenden Eltern betrifft, war sie das wohl auch, die Frau, die mit „Talk of the Town“ und später „Don’t Get Me Wrong“ seltsam unterkühlte Hits zwischen Pop und Rock landete.

#image Dabei kam Hynde aus der Keimzelle des Punk, aus demselben Keller, aus dem The Clash und die Sex Pistols gekrochen waren. Mitte der 70er hatte eine ihrer Fluchten vor der drohenden Bürgerlichkeit die Mittzwanzigerin nach London geführt, hier rutschte sie, von allen nur denkbaren Drogen befeuert, mitten hinein in die Szene, die wenig später die ganze Rockmusik verändern sollte. Nur dass Hynde nicht dabei war, jedenfalls nicht auf der Bühne. Stattdessen führte sie Affären, huschte von einem Bett ins andere und trieb sich mit Johnny Rotten, Sid Vicious und Steve Jones herum.

Den Glaube trotz Rückschläge nicht verloren

Nah dran, aber nicht dabei, fast hätte Willie Nelson so geendet. Der heute unumstritten wichtige Vertreter des Alternative-Country hatte mit 40 ein paar kleinere Hits gelandet, aber der große Durchbruch war immer noch weit weg. Nelson berichtet von Selbstzweifeln, von seiner Drogensucht und vom Krach mit wechselnden Partnerinnen daheim. Den Glauben daran, es ganz nach vorn zu schaffen, verlor er nur nicht, weil er ihn nie hatte.

Es ist immer alles andere wichtig, bemerkte Chrissie Hynde in einem der seltenen klaren Momente ihrer 20er. Sex und Drogen, Drogen und Sex, dazu ständig Geldsorgen und keine feste Wohnung - wer soll dabei noch eine Band zusammenstellen und Lieder proben? Wo Nelson langsam und beharrlich arbeitete, so langsam und so beharrlich, dass sich sein überaus bewegtes Leben im Rückblick wie ein langer, ruhiger Fluss betrachten lässt, ist es bei Hynde erst fürchterlich hektisch, ehe dann wie schlagartig eine Gruppe um sie steht, ein paar Songs vom Himmel regnen und mit „Brass in Pocket“ auch gleich der erste Hit hereinschneit.

Willie Nelson hat seinen ersten Top-Ten-Hit mit 49, als es schon gar nicht mehr drauf ankommt. Zum Glück, denn wenig später steht das Finanzamt vor der Tür und wirft dem bekennenden Marihuana-Prediger Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vor. Nelson hat sich geweigert, Konkurs anzumelden, sondern seine Schulden stoisch abgezahlt. Und auf ihre Art geht Chrissie Hynde nicht viel anders mit Rückschlägen um: Nachdem schon im dritten Jahr des großen Erfolges der Pretenders zwei Bandmitglieder unter Drogeneinfluss sterben, endet Hyndes Autobiografie genau hier. Ihre Band aber betreibt sie mit Unterbrechungen und neuem Personal bis heute weiter.



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