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Nach Angriff auf Imbissbetreiber in Bernburg: Neun Männer wurden angeklagt

Bahnhof in Bernburg

Der Ort des Überfalls: Bahnhof in Bernburg

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Pülicher

Bernburg/MZ -

Zwei Monate nach dem Überfall auf einen türkischstämmigen Imbissbetreiber in Bernburg hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen neun Männer im Alter von 23 bis 33 Jahren erhoben. Ihnen wird versuchter Totschlag, Körperverletzung und teilweise Beleidigung vorgeworfen, teilte das Landgericht Magdeburg mit. Sie sollen am Vorabend der Bundestagswahl auf dem Bahnhof den 34-jährigen Betreiber des dortigen Restaurants brutal zusammengeschlagen haben.

Einer der Beschuldigten gilt als zentrale Figur der rechtsextremen Szene von Schönebeck und ist schon mehrfach einschlägig mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Die Staatsanwaltschaft bestätigte MZ-Informationen, wonach der heute 28-Jährige vor knapp acht Jahren als Haupttäter eines rechtsextremen Überfalls auf einen farbigen zwölfjährigen Jungen in Pömmelte verurteilt wurde. Nach seiner Haftentlassung wurde er erneut straffällig, verprügelte Neujahr 2011 mit Gleichgesinnten den Inhaber eines Döner-Imbisses in Schönebeck und zwei Gäste. Im März 2012 griff der Schönebecker zwei linksalternative Jugendliche in einem Zug an und wurde zu einer neunmonatigen Haftstrafe verurteilt, die er kurz nach dem jüngsten Überfall in Bernburg antrat.

Vier Männer in Untersuchungshaft

Direkt nach der Attacke auf dem Bahnhof der Kreisstadt hatte die von der Freundin des Opfers alarmierte Polizei in der Nähe eine Gruppe von neun Männern gestellt, die nach MZ-Informationen alle der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind. Acht wohnen in Schönebeck, einer stammt aus dem Kreis Anhalt-Bitterfeld. Drei der Männer sitzen seit der Festnahme in Untersuchungshaft, ein weiterer seit diesem Monat. „Die vier anderen Beschuldigten befinden sich auf freiem Fuß“, so Christian Löffler, Sprecher des Landgerichts Magdeburg. Dessen Schwurgerichtskammer prüft, ob die Anklage zur Hauptverhandlung zugelassen wird. Offen ist, wann ein möglicher Prozess beginnen könnte.

„Die schnelle Anklageerhebung gegen alle Tatverdächtigen ist für die Betroffenen ein wichtiger Schritt zur erhofften, baldigen Ahndung der Tat“, sagte gestern eine Sprecherin der Mobilen Opferberatung des Vereins Miteinander. „Allerdings bleibt unverständlich, warum die Staatsanwaltschaft nicht von einem versuchten Mord ausgeht und damit offenbar die rassistischen Beleidigungen während des Angriffs als Grund ausblendet“, kritisierte sie.

Gesundheitliche Folgen

Der 34-jährige Imbiss-Betreiber, der seit 13 Jahren in Bernburg lebt, hat unterdessen immer noch mit den Folgen des Überfalls zu kämpfen. Er war mit schwersten Kopfverletzungen in die hallesche Uniklinik eingeliefert worden, wo ihm die Ärzte noch in der Nacht mit einer Not-OP das Leben retteten. Tagelang lag er im künstlichen Koma. Inzwischen ist er aus dem Krankenhaus entlassen. Seine Gesundheit, sagt dessen Bruder, „wird wohl nie wieder zu 100 Prozent wie vorher“. Sein Bruder habe Schmerzen, könne auf dem rechten Auge nicht richtig sehen. „Wir hoffen, dass er nicht blind wird“. Quasi täglich stünden Arztbesuche oder Therapien an. Ob sich nicht in einigen Jahren noch Spätfolgen einstellen, von denen jetzt keiner ahnt, sei unklar. Das Bahnhofsrestaurant ist inzwischen wieder geöffnet - die Brüder führen es. „Er selbst darf im Moment absolut nicht arbeiten.“

Die Prügelattacke hatte überregional für Entsetzen gesorgt. In den Wochen danach gab es Mahnwachen und Demonstrationen am Bahnhof. Das „Bernburger Bündnis für Demokratie und Toleranz“ richtete ein Spendenkonto ein.


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