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Geschichte des Radios in Bernburg: Rundfunkmechaniker in der DDR

Der Rundfunkmechaniker Axel Eckert

Der Rundfunkmechaniker Axel Eckert besitzt noch zwei Bernburger Radios der Firma Jäckel.

Foto:

Engelbert Pülicher

Bernburg -

Und plötzlich war er weg. Siegfried Jäckel flüchtete im Sommer 1958 aus der DDR. Der Bernburger Ingenieur und Firmengründer von „Radio Jäckel“ spürte wahrscheinlich, dass seinem Betrieb an der Halleschen Straße nichts Gutes bevorstand. Denn der private Radiohersteller sollte alsbald Teil einer sogenannten Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) werden. Jäckel machte zunächst gute Miene zum bösen Spiel und unterschrieb den Vertrag. Aber bereits zur Einweihungsfeier der PGH war er wie vom Erdboden verschluckt.

„Meine Frau und ich kamen gerade aus unserem Urlaub in der sächsischen Schweiz zurück, als wir erfuhren, was passiert war“, erzählt Jürgen Langenbeck heute rückblickend. Der 76-Jährige lernte damals bei Siegfried Jäckel den Beruf des Rundfunkmechanikers. Der Bruder des Chefs, Max Jäckel, blieb. Zusammen mit ihm und der restlichen Belegschaft lief der Betrieb schließlich weiter.

Zur gleichen Zeit baute auch ein anderer Radios in Bernburg: Alfred Ulrich. Und er musste ebenfalls seinen Betrieb 1958 in eine PGH umwandeln lassen, zusammen mit der Firma Jäckel. Ulrich begann nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Produktion und verarbeitete unter anderem alte Bestände der Wehrmacht. „Bis der Chef von den Russen abgeführt wurde“, erinnert sich Erwin Knechtel. Er begann nach Kriegsende seine Lehre bei Ulrich. Die damalige Deutsche Wirtschaftskommission der sowjetischen Besatzungszone hielt Ulrich 1946 fest, weil er Sendeanlagen der Wehrmacht besaß. Diese waren allerdings verboten, lediglich Empfänger durften genutzt werden, erzählt der ehemalige Lehrling: „Ulrich nutzte die Sender, um daraus Radios - also Empfänger - zu bauen, denn die Bestandteile waren ja ähnlich.“

Ulrichs Frau kämpfte indes vehement um die Freilassung ihres Mannes - mit Erfolg. Später entwickelte sich aus diesem Vorfall eine neue Geschäftsbeziehung. Ulrich baute fortan nicht nur Radios und Antennen für die Bevölkerung, sondern auch Spezialantennen für den späteren DDR-Staat, unter anderem für die Nationale Volksarmee.

Wie diese Spezialtechnik funktionierte, weiß Axel Eckert, der in den 1970ern in dem Betrieb arbeitete: „Mit sogenannten Richtfunkantennen konnte von einem Punkt zum anderen kommuniziert werden, ohne dass ein Dritter mithörte“, erklärt der Rundfunkmechaniker und heutige Sachverständige. Die Zukunft des Radios sieht Eckert mit gemischten Gefühlen: „Das Internet-Radio bietet eine tolle Möglichkeit. Aber die Jugend heutzutage hört lieber Musik von anderen Portalen, am liebsten ohne Gerede dazwischen“, so der 56-Jährige.

Damals war das Internet noch weit entfernt und ein Radio eine Anschaffung fürs Leben, so auch das Modell „Bernburg I“. Die Firma Jäckel verkaufte es ab 1955 für 780 Ostmark. Ein stolzer Preis für die damalige Zeit. Aber der Preisunterschied hatte auch einen Grund: Ukw-Leistung. „Es war mit das beste Gerät zu der Zeit“, so der ehemalige Radiomechaniker Jürgen Langenbeck. Das Holzgehäuse wurde durch die Tischlerei Käfer angefertigt.

Erschwinglicher war das Radio „Bernburg II“, der Nachfolger: „Es kam ungefähr 300 Ostmark und wurde zu Tausenden produziert“, erinnert sich Langenbeck. Der 76-Jährige verdiente zu der Zeit um die 200 Ostmark im Monat. Anders als bei der Luxusausführung des Vorgängermodells war das „Bernburg II“ ein sogenannter Sechskreiser, der mit Kurz-, Mittel- und Langwelle funktionierte. Und die Gehäuse stammten nicht aus der Tischlerei, sondern aus den Überplanbeständen der DDR-Industrie. „Deswegen musste das technische Innenleben immer an das Gehäuse angepasst werden“, berichtet Langenbeck.

Heute ist von der einstigen Radioproduktion in Bernburg wenig übrig geblieben. Lediglich ein Reparatur- und Verkaufsdienst an der Halleschen Straße existiert noch. Er wird von der Firma Electronic Partners angeboten. Einige historische Radios in so manchem Wohnzimmer erinnern vielleicht noch an die vergangene Produktion. 1958 lief die Produktion mit Gründung der PGH zunehmend aus. Es wurden fortan hauptsächlich nur noch Antennen hergestellt und Radios repariert. 1972 vollzog die DDR die komplette Verstaatlichung des Betriebs, nun in VEB Funkwerkstätten Bernburg.

Das Schicksal von Siegfried Jäckel ist unbekannt. Als sicher gilt nur, dass er sich nach der Flucht aus der DDR im Westen Deutschlands eine neue Existenz aufbauen wollte. (mz)


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