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Flüchtlingsunterkunft in Bernburg: „Wir sind froh, dass wir in Sicherheit sind“

Udei (von links) und Majd, ihre Eltern Mohammed und Reda Ibrahim sowie Cousin Abdulla sind froh, dass sie in Deutschland in Sicherheit sind.

Udei (von links) und Majd, ihre Eltern Mohammed und Reda Ibrahim sowie Cousin Abdulla sind froh, dass sie in Deutschland in Sicherheit sind.

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Engelbert pülicher

Bernburg -

Vier schlichte Metallbetten mit Wolldecken, ein Tisch und ein paar Stühle, dazu ein bisschen Kleidung. Das ist alles, was Mohammed, Reda, ihr Sohn Udei und ihr Neffe Abdulla in ihrem Zimmer haben. Aber sie sind zufrieden. „Wir sind froh, dass wir in Sicherheit sind“, sagt Mohammed Ibrahim. Der 47-Jährige ist mit seiner Familie - neben Sohn Udei (16) und Neffe Abdulla (13) gehört Sohn Majd (25) dazu, der im Zimmer nebenan wohnt - aus Syrien geflohen und vorübergehend in der Flüchtlingsunterkunft auf dem Ameos-Klinikgelände in Bernburg untergebracht. Genau wie 100 weitere Asylbewerber. Es sind fast ausschließlich Frauen und Kinder, die hier unterkommen. Nur vereinzelt sind auch alleinstehende Männer dabei, die einem Familienverband angehören, wie Hans Strecker, Geschäftsführer des Vereins Rückenwind, der die soziale Betreuung übernommen hat, betont.

Maximal vier Wochen

Die Flüchtlinge stammen fast alle aus Syrien und Afghanistan und bleiben in der Bernburger Außenstelle der Landes-Erstaufnahmeeinrichtung Halle maximal vier Wochen. „Bis eine Wohnung oder eine Bleibe in einer Gemeinschaftsunterkunft für sie gefunden ist“, sagt Caroline Müller, Leiterin der Flüchtlingsbetreuung vom Verein Rückenwind. Zusammen mit drei weiteren Mitarbeitern kümmert sie sich seit Mitte November vergangenen Jahres um die Flüchtlinge. Unterstützt wird sie außerdem von rund zehn freiwilligen Helfern.

Für die 30-jährige Leiterin der Flüchtlingsbetreuung, die gerade ihre Babypause beendet hatte, war das echtes Neuland. Als Sozialpädagogin hat sie zwar Erfahrung in der Arbeit mit Eltern und Kindern. Aber die Betreuung von Flüchtlingen ist noch einmal etwas ganz anderes. Noch dazu sei anfangs noch vieles ungeklärt gewesen, sagt sie. Wer ist für was zuständig? Wer sind die Ansprechpartner beim Land? Und so weiter. Inzwischen aber habe sich vieles eingespielt. Daher hat Caroline Müller jetzt auch Zeit, sich um Details wie die Kinderbetreuung zu kümmern. Denn in der Unterkunft gibt es zwar einen Aufenthaltsraum mit einem Fernseher. Aber ein richtiges Spielzimmer fehlt bisher. Das möchte die Leiterin der Flüchtlingsbetreuung demnächst einrichten, damit die vielen Kinder Platz zum Malen und Spielen haben.

Von Halle nach Bernburg

Bevor die Flüchtlinge jedoch nach Bernburg kommen, würden sie in Halle registriert und medizinisch untersucht, erläutert Caroline Müller das Prozedere. Von dort würden sie weiter verteilt. Sie bekomme dann eine Liste zugeschickt, auf der steht, wie viele Menschen insgesamt kommen, wie viele Familien dabei sind und anderes mehr. „Damit wir sie entsprechend auf die Zimmer verteilen können“, erklärt Caroline Müller. Dann werde die Küche des Klinikums informiert, denn sie versorgt die Flüchtlinge dreimal täglich mit Mahlzeiten. Und wenn sie schließlich in Bernburg angekommen sind, gibt es zunächst eine Informationsveranstaltung. Die Bewohner auf Zeit bekommen die Adresse ihrer Unterkunft, damit sie nach Spaziergängen auch sicher wieder zurückfinden. Ein Dolmetscher erläutert ihnen die Hausordnung, sagt ihnen, wo sie ihre Mahlzeiten bekommen, wo sie einkaufen können und wo sie Ärzte finden.

Bedauern über fehlende Kinderbetreuung

Dass es in Bernburg keine Kinderabteilung mehr im Krankenhaus gibt, sei bedauerlich, sagt Caroline Müller. „Denn wir haben viele schwangere Frauen dabei.“ Diese würden nun also nach Aschersleben gebracht. Auch das muss organisiert werden.

Ein Dolmetscher steht dabei nur selten zur Verfügung. Oft müssen sich Bewohner und Betreuer mit Händen und Füßen verständigen. Zum Teil hilft auch Englisch. Und in manchen Fällen können Caroline Müller und ihre Kollegen sogar auf solche Menschen wie Mohammed Ibrahim zurückgreifen, die Deutsch können. „Das erleichtert natürlich vieles“, sagt Müller dankbar. Mohammed Ibrahim war in seiner Heimat Touristenführer.

Diese Tätigkeit führte ihn auch schon einmal nach Deutschland: Vor 23 Jahren sei er auf der Messe in Leipzig gewesen, erzählt der Syrer, der ursprünglich aus einem Dorf bei Latakia, einer Hafenstadt im Westen des Landes stammt. Seine Frau Reda hat als Lehrerin gearbeitet. Weil sie den „falschen Glauben“ haben, wurden sie in ihrer Heimat diskriminiert und verfolgt. Das Wasser wurde ihnen abgestellt. Nur zweimal täglich, jeweils für eine halbe Stunde, gab es Strom. Und Lebensmittel wurden quasi unbezahlbar. Ein Kilogramm Fleisch hätte sie umgerechnet 50 Euro gekostet, erzählt Mohammed Ibrahim. Daher haben sie sich entschlossen, Syrien zu verlassen. „Wir wollen Frieden für unsere Kinder“, sagt Reda. „Wir wollen einfach eine bessere Zukunft für sie.“ Und die haben sie in Syrien nicht mehr gesehen.

Gesamten Hausrat verkauft

So haben sie alles, was möglich war, zu Geld gemacht. Haben ihren gesamten Hausrat verkauft und sind schließlich über den Libanon, die Türkei und Griechenland nach Europa geflohen. An die Überfahrt mit dem Boot erinnert sich Reda Ibrahim mit Grausen. „Es war sehr gefährlich und ich hatte furchtbare Angst“, sagt die 47-Jährige. Hinzu kam, dass ihnen in der Türkei ihr Geld gestohlen wurde. Doch irgendwie haben sie es trotzdem über Österreich nach Deutschland geschafft. Hier wollen sie bleiben. „Für immer“, wie Mohammed Ibrahim betont. Wenn möglich, soll auch die Familie seines Neffen Abdulla nachkommen. Seine Kinder sollen rasch Deutsch lernen, damit sie sich schnell integrieren. Auch anderen Flüchtlingen in der Unterkunft gibt er Deutsch-Unterricht. Wie lange das sein wird, kann er nicht sagen. Denn sobald geeigneter Wohnraum gefunden ist, wird Familie Ibrahim umziehen. (mz)


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