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Syrischer Flüchtling wagt Neuanfang in Aschersleben: Binnen weniger Tage vom Praktikum in die Festanstellung

Die Kunden des Friseursalons am Tie reagieren positiv auf den syrischen Praktikanten und frischen ihre Englischkenntnisse bei ihm auf.

Die Kunden des Friseursalons am Tie reagieren positiv auf den syrischen Praktikanten und frischen ihre Englischkenntnisse bei ihm auf.

Foto:

Gehrmann

Aschersleben -

Seit einer knappen Woche sorgt ein neuer Mitarbeiter im Friseursalon auf dem Ascherslebener Tie für frischen Wind: Der 37-jährige Syrer Mohamad Ghazwan Zaghal absolviert hier ein Praktikum. Vor vier Monaten kam er als Flüchtling nach Deutschland, seit nunmehr drei Monaten lebt er in einer Gemeinschaftsunterkunft in Aschersleben. Dass er auch in seiner neuen Heimat schnellstmöglich wieder seinem erlernten Beruf nachgehen will, stand für Ghazwan von Anfang an fest. „Ich bin nicht hier um zu warten, sondern will tun, was meine Passion ist.“

21 Jahre Berufserfahrung in Dubai und Syrien

Und der Friseurmeister bringt die besten Voraussetzungen für einen schnellen Berufseinstieg in Deutschland mit: 21 Jahre Berufserfahrung hat der kontaktfreudige Syrer bereits gesammelt. Von 1999 bis 2014 arbeitet er als Friseur in Dubai. Unter anderem in der dortigen „Media City“, einer Freihandelszone, in der Weltkonzerne wie CNN International, BBC World News oder Reuters beheimatet sind. Für Gäste und Moderatoren von Rotana TV und LBC TV übernimmt der 37-Jährige das Hairstyling, frisiert zudem Models für zahlreiche namhafte Modelabels wie zum Beispiel Chanel und Lanvin.

Zurück in den Krieg

Als sein Visum Anfang 2014 ausläuft, ändert sich sein Leben komplett. Ghazwan muss zurück in sein Heimatland Syrien, wo das Leben vor allem vom Krieg bestimmt wird. Doch der Friseur beschließt zu bleiben, eröffnet einen Salon und arbeitet täglich von 9 bis 21 Uhr. Anderthalb Jahre lang führt er sein Geschäft, bis eine Autobombe, die in direkter Nähe seines Ladens hochgeht, seinen Salon komplett zerstört. „Ich konnte nicht bleiben. Also habe ich beschlossen Syrien zu verlassen.“ Deshalb flieht der 38-Jährige wenig später nach Deutschland.

Beeindruckt von den Deutschen

Fragt man Ghazwan, wieso er sich ausgerechnet für dieses Land entschieden hat, folgt seine Antwort prompt und bestimmt. Er habe sich vor seiner Flucht genau über Deutschland informiert: über die Wirtschaft, die Geschichte, die Arbeitsbedingungen. Besonders beeindruckt sei er gewesen, als er las, wie sich Deutschland vom Zweiten Weltkrieg erholt hatte. Mit welchem Eifer die Deutschen das Land gemeinsam wieder aufgebaut haben. Schnell hätte für ihn festgestanden, dass er hier die besten Chancen haben würde, wieder in seinem erlernten Beruf zu arbeiten, sich nützlich zu machen. Denn rumsitzen und darauf warten, dass er einen Job bekommt, das komme für ihn nicht in Frage. „Kein Flüchtling sollte eine schlechte Arbeitseinstellung haben. Sondern sich bemühen, schnell wieder Fuß im Berufsleben zu fassen“ resümiert er.

Inhaberin ist begeistert

Die Leidenschaft, mit der der Syrer seinem Beruf nachgeht, beeindruckt auch Monika Breitwieser, Inhaberin des Friseursalons am Tie. Vor etwas mehr als einer Woche lernte sie Ghazwan kennen. Eine Arbeitsvermittlerin der Agentur für Arbeit hatte den Kontakt zwischen beiden hergestellt. Als sie sich einverstanden erklärte, den 37-Jährigen als Praktikanten einzustellen, wusste sie noch nichts von dessen jahrelanger Erfahrung. „Ich dachte er schaut uns ein paar Tage über die Schulter, wie bei einem Schülerpraktikum. Aber Ghazwan ist mit Leib und Seele Friseur, hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Wir zeigen ihm nur, wo er alle Utensilien findet, den Rest macht er ganz allein“ erzählt sie lachend.

Und so frisiert der syrische Praktikant schon an seinem ersten Arbeitstag eigenständig Kunden, verpasst wenig später sogar seinen Kollegen und Inhaberin Monika Breitwieser neue Haarschnitte. Einzig bei der Verständigung gäbe es noch ein paar Probleme, sagt die Chefin. Denn sie spricht kaum Englisch, Ghazwan bis auf wenige Worte noch kein Deutsch. Breitwiesers Kunden hingegen freuen sich darüber, ihre Sprachkenntnisse in Unterhaltungen mit dem syrischen Friseur auffrischen zu können. „Sie reagieren durchweg positiv und sind sehr mitfühlend, was seine Vergangenheit angeht“ beteuert die Inhaberin.

Unterstützung durch die Agentur für Arbeit

Am Freitag endet das Praktikum des 37-Jährigen im Friseursalon am Tie. Breitwieser und Ghazwan waren sich aber schon nach einigen Tagen einig darüber, dass sie ihre Zusammenarbeit fortführen möchten. Deshalb hat sich die Inhaberin des Salons frühzeitig um Beratung und Unterstützung bei der Agentur für Arbeit bemüht.

Mit Erfolg: Ab kommendem Montag wird der Syrer seine Arbeit als Facharbeiter weiterführen. Bis dahin gilt es nur noch einige bürokratische Hürden zu bewältigen, so dass Ghazwans beruflicher Zukunft in Aschersleben nichts mehr im Weg steht. Eins steht jedoch schon jetzt fest: Mit seiner Erfolgsgeschichte ist Mohamad Ghazwan Zaghal ein Vorbild für viele Flüchtlinge. (mz)


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