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Stadtgeschehen: OB Michelmann will gegen Bevölkerungsschwund vorgehen

Uhr | Aktualisiert 25.01.2013 22:30 Uhr
Oberbürgermeister Andreas Michelmann im Gespräch (FOTO: FRANK GEHRMANN) 
Neues Jahr, neues Glück. Was ist gut gelaufen im letzten Jahr, wo liegen die Chancen fürs neue? Das wollten wir von Ascherslebens Oberbürgermeister Andreas Michelmann wissen. Kerstin Beier hat mit dem Stadtoberhaupt gesprochen.
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ASchersleben/MZ. 

Neues Jahr, neues Glück. Was ist gut gelaufen im letzten Jahr, wo liegen die Chancen fürs neue? Das wollten wir von Ascherslebens Oberbürgermeister Andreas Michelmann (Widab) wissen. Kerstin Beier hat mit dem Stadtoberhaupt gesprochen.

Welchen Moment des letzten Jahres haben Sie als den glücklichsten in Erinnerung?

Andreas Michelmann: Zu den schönsten Momenten des vergangenen Jahres gehörte sicherlich die Eröffnung der Grafikstiftung Neo Rauch. Es ist eine große Ehre und Freude für die Aschersleber, dass ein solcher Künstler die Stadt seiner Kindheit und Jugend wieder entdeckt und angenommen hat. Und natürlich bekommen wir mit Hilfe der Werkschau Gäste in die Stadt, die ohne die Stiftung nicht zu uns gekommen wären.

Könnte die Stadt da nicht mehr draus machen? Es gibt einige, die die mangelhafte Außenwirkung kritisieren.

Michelmann: Man muss anerkennen, dass die Grafikstiftung viermal so viele Besucher hat wie beispielsweise das Museum. Wir sind dabei, dafür zu sorgen, dass das Thema über die Schulen in die eigene Bürgerschaft transportiert wird. Meine Erfahrung ist, dass wir auch gegenüber Besuchern erfolgreich sind, wenn es uns gelingt, die Themen zunächst in der Stadt erfolgreich zu kommunizieren.

Aber ist die Außenwirkung nicht wichtiger? Die Aschersleber wissen doch um die Bedeutung der Grafikstiftung.

Michelmann: Dies war auch Gegenstand der letzten Kuratoriumssitzung. Wobei die Vergleiche, die Ihre Kollegen mit Ausstellungen in Wien oder München angestellt haben, als absurd angesehen wurden. (Anmerkung der Redaktion: In den Medien wurde unter anderem der Vergleich mit einer Ausstellung von Rauchs Malereien in der Münchener Pinakothek der Moderne im Jahr 2010 gezogen. 165 000 Besucher wurden in vier Monaten gezählt.) Sowohl der Künstler Neo Rauch als auch die Vertreter der Galerie "Eigen+Art" zeigen sich sehr erfreut mit der bisherigen Entwicklung in Aschersleben.

An welches Ereignis des vergangenen Jahres werden Sie nicht so gerne erinnert?

Michelmann: Na ja, nun muss ich mich ja doch erinnern. Da wäre vielleicht das abgebrochene Handballspiel auf der Herrenbreite im vergangenen Sommer. Mir ist inzwischen klar geworden, dass sich viele kleine Fehler summiert und am Ende zum Spielabbruch geführt haben. Bedanken möchte ich mich beim Publikum, das offenbar honoriert hat, dass weder Herr Sasse noch ich herumgeeiert haben, sondern Verantwortung übernahmen. Diese Reaktion hat mir imponiert. Dass wir an dem Abend unseren Ärger dann noch mit Bier runterspülen mussten, ist sicher verständlich.

Nun gut, kommen wir zu ernsteren Themen. Sie selbst haben erst kürzlich davon gesprochen, dass der momentane Bevölkerungsschwund größer ist als in Kriegszeiten. Ist überhaupt noch ein Kraut gewachsen gegen Überalterung und Bevölkerungsschwund?

Michelmann: Klar ist: Wir können in Zukunft nicht mehr nur reagieren. Die Konzentration auf die Innenstadt ist sicher richtig, sie kann aber nicht die alleinige Lösung sein. Die Grundlinie ist meiner Meinung nach, für ausreichend Arbeitsplätze zu sorgen, damit junge Leute hier eine Chance haben. Denn ich glaube nicht, dass junge Menschen, die einmal weg sind, zurückkommen. Vielmehr müssen wir alles dafür tun, dass diejenigen, die noch hier sind, Wurzeln schlagen. Und ich bin auch der Meinung, dass die Einwanderungspolitik der 90er Jahre überholt ist. Gezielte Einwanderungspolitik kann ich nicht selbst betreiben, ich kann sie nur fordern. Jedenfalls werden wir die Bevölkerungsentwicklung ohne Zuwanderung nicht mehr umkehren können. Immerhin verfügen wir über hervorragende klimatische Bedingungen. Unsere Infrastruktur kann das Doppelte an Menschen aufnehmen. Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass genügend Arbeitsplätze vorhanden sind.

Aschersleben hat Bildung in seinem Leitbild festgeschrieben. Spielt auch das in diesem Kontext eine Rolle?

Michelmann: Natürlich. Kita-Plätze sind zum Glück bei uns kein Problem, und was die Bildung angeht, da haben wir in der Vergangenheit einiges geleistet. Ich kenne Familien, die extra wegen unseres Bildungsangebots mit vielen unterschiedlichen Schulformen hierher gezogen sind.

Oft wird davon gesprochen, dass eine Stadt lebenswert sein müsse, um Menschen anzuziehen. Was verstehen Sie unter einer lebenswerten Stadt und wie weit ist Aschersleben noch davon entfernt?

Michelmann: Arbeit zu finden ist erstmal das Wichtigste. Aber daneben gehören auch guter, bezahlbarer Wohnraum und Lebensqualität nach Feierabend dazu. Also eine ansprechende Gastronomie, Einkaufsmöglichkeiten, kulturelles und sportliches Angebot. Der Einzelhandel folgt bereits unserer Philosophie und drückt in die Innenstadt. Das Einzelhandelsgutachten hat gezeigt, dass wir 80 Prozent mehr Kaufkraft binden, als wir selbst haben. Damit liegen wir auf Platz 4 im Land, und die Zahlen sprechen für eine gute Mischung des Angebots. Es ist andererseits ein Phänomen, dass die Gastronomie die Kaufkraft nicht halten kann. Die Leute gehen offenbar woanders oder gar nicht essen. Da müssen wir uns noch was einfallen lassen, obwohl unsere Einflussmöglichkeiten als Stadt da eher gering sind. Aus meiner Sicht gibt es noch Reserven, was den Dienstleistungsgedanken angeht.

Wie meinen Sie das?

Michelmann: Es steht mir ja eigentlich nicht zu, das zu bewerten. Aber ich mache es in diesem Fall trotzdem mal. Nach dem Neujahrskonzert war ich nicht der Einzige, der beim Italiener auf die Klinke gefasst hat und vor verschlossener Tür stand. Welche Gründe es auch immer hatte: Wäre ich Gastronom, hätte ich mir die 30, 40 Gäste nicht entgehen lassen. Immerhin war die viel gescholtene Aka nach der Silvesterparty am nächsten Tag um 11 Uhr in der Lage, mit dem Neujahrskonzert zu beginnen. Und was der öffentliche Dienst kann, sollte die Privatwirtschaft auch leisten können.

Aschersleben ist größer geworden. Neben der Kernstadt gehören auch elf Ortsteile dazu. Man hat manchmal den Eindruck von Frustration in den kleinen Gemeinden, in denen Ortsbürgermeister und Ortschaftsräte kaum noch Wesentliches entscheiden können. Wie sehen Sie das?

Michelmann: Ich halte es für politisch falsch, dass die gemeindliche Ebene mit der Gebietsreform geschwächt wurde. Eine Alternative ist zu fragen, ob die Kreisebene wirklich notwendig ist. Aber diese Entscheidung ist an anderer Stelle gefallen, nun ist es so und wir wissen noch nicht, wie sich das auswirkt. Einfach ausgedrückt haben die Gemeinden mit den Eingemeindungsverträgen ihre Gestaltungsfreiheit verkauft und die Frustration wächst dementsprechend. Immerhin wurden Dorfgemeinschaftshäuser, Feuerwehrautos, Straßenbaumaßnahmen und andere Geschenke doch gern angenommen. Wir sind dabei, die Verträge Punkt für Punkt zu erfüllen. Allerdings habe ich den Eindruck, dass in den kleinen Orten ein taktisches Murren anhebt. Denn wir investieren in den Ortsteilen mehr, als sie selbst es sich je hätten leisten können. Und, auch das muss man sagen, je geringer die Steuerkraft in den Dörfern, desto größer das Gebrüll. Fakt ist: Die Stadt kann ihre Entscheidungen nicht aus der Sicht einer einzelnen Ortschaft treffen.

Worauf freuen Sie sich 2013?

Michelmann: Ich freue mich auf die ein oder andere Überraschung. Ich freue mich auch, wenn es für die Kliniken eine Perspektive gibt, auch wenn die Einschnitte jetzt erst einmal hart sind. Froh bin ich auch, dass die Außenanlagen rund um die neue Sporthalle in diesem Jahr fertig werden und die Industriebrache Optima damit komplett umgewandelt ist. Dass es mit der vierten Erweiterung im Gewerbegebiet weitergeht, war und ist mir eine Herzenssache. Und manches Erfreuliche hat sich schon Ende 2012 angedeutet: dass es gelungen ist, einen Haushalt zu verabschieden, auch wenn es ein paar Steuereinnahmen mehr sein könnten. Aber immerhin hat die politische Auseinandersetzung eine Kulturerreicht, die uns voranbringen wird.

Und was ist mit ihren Plänen, hauptberuflich im Handballbund einzusteigen?

Michelmann: Im Moment streiten wir uns noch über die notwendigen inhaltlichen Veränderungen im Deutschen Handballbund.

Und welche Rolle spielen Sie da?

Michelmann: Schau'n wir mal.

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