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Lehrerfortbildung in Aschersleben: Demokratielehrer auf Reisen

Hans-Jürgen Grasemann im Gespräch mit Ute Götschel.

Hans-Jürgen Grasemann im Gespräch mit Ute Götschel.

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Frank Gehrmann

aschersleben -

Ute Götschel ist Geschichtslehrerin aus Leidenschaft. Das ist einer der Gründe, weshalb sich die Fachbetreuerin für ihre Lehrerfortbildungen zu bestimmten Themen gern Kenner der Materie an die Seite holt. Ein solcher Kenner, wenn es um Fragen von DDR-Unrecht geht, ist Hans-Jürgen Grasemann. Der Jurist war unter anderem stellvertretender Leiter und Sprecher der Zentralen Erfassungsstelle für DDR-Unrecht Salzgitter. „Der Mann ist einfach gut“, sagt Ute Götschel und hat ihn deshalb als Referenten zu einer Lehrerfortbildung am Stephaneum gebeten.

Im 25. Jahr des Mauerfalls haben die Diskussionen darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, neue Fahrt aufgenommen. Zudem ist das Thema DDR und politische Wende Unterrichtsstoff in den 10. und 12. Klassen. Doch wie bringt man Schülern eine Zeit nahe, die deren Eltern noch unmittelbar miterlebt, ja, sogar zum Teil mitgestaltet haben? In der die Einschätzung durch persönliche Erfahrung des Einzelnen geprägt ist?

Über das Unrecht der DDR

Hans-Jürgen Grasemann weiß anschaulich und aus dem Effeff von vielen Beispielen für DDR-Unrecht zu berichten. Sein Gedächtnis für Namen, Daten und Zusammenhänge ist enorm, doch diese Kenntnis gehört für ihn zu Authentizität und Glaubwürdigkeit einfach dazu. Er ist fest davon überzeugt, dass Demokratie Erinnerung braucht. Doch anders als mancher Zeitzeuge kann er seine Aussagen über die Willkür politischer Justiz in der DDR, gegen das sich Betroffene nicht wehren konnten, belegen. So berichtet er vom Fall Rudolf Bahro. Aus Briefen des Stasi-Chefs Erich Mielke geht hervor, dass das Strafmaß schon vor dem Prozess wegen „Geheimnisverrats“ und „landesverräterischer Sammlung von Nachrichten“ feststand. Und auch die Mitteilung für die Presse verkündete schon den Ausgang eines Prozesses, der noch gar nicht stattgefunden hatte.

„Reisender Demokratielehrer“

Aufgrund seiner früheren Tätigkeit kann der „reisende Demokratielehrer“, wie er sich zuweilen selbst bezeichnet, eines sehr gut: Die Schicksale von ganz konkreten jungen Menschen beschreiben, die Opfer des DDR-Unrechtsstaates geworden sind. Von DDR-Bürgern zum Beispiel, die ihr Land als Gefängnis empfunden haben und weg wollten. So berichtet er von einem 28-Jährigen, der am 9. April 1969 gegen 22 Uhr in Berlin-Mitte auf die Mauer zugelaufen ist. Aus acht Waffen haben die Grenzsoldaten 148 Schüsse auf den jungen Mann abgegeben. Und er erzählt von einem 19-Jährigen aus Magdeburg, der angesichts einer flüchtenden Familie 30 Schüsse abgegeben hat - in die Luft allerdings, was ihm ein Jahr Zuchthaus in Schwedt eingetragen hat. Unrecht sei es auch, so Grasemann, „wenn man dem Menschen keine Chance einräumt, ein gerechtes Urteil zu erwarten“. So wie im Fall des stellvertretenden Schulleiters Gerhard Benkowitz, der 1955 enthauptet wurde. Das Todesurteil gegen den Mann, dessen Geständnis man laut Grasemann in Hohenschönhausen erzwungen hatte, stand schon vor Beginn des Prozesses fest. Ihm war vorgeworfen worden, die Sprengung von Brücken und einer Talsperre vorbereitet zu haben.

„Die Kollegen werden lange davon zehren“, sagt Ute Götschel nach der Weiterbildung. Sie möchte den Juristen gern noch einmal einladen, um vor Schülern zu sprechen.

Den Vorwurf, an den Schulen werde zu wenig getan, die DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten, pariert sie mit einer Reihe von Aktivitäten. Projekte zu unterschiedlichen Themen gehören am Stephaneum genauso dazu wie regelmäßige Fahrten in die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn oder nach Leipzig. „Und die Schüler interessieren sich auch dafür“, betont sie. (mz)


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